Editorial 3

 

 

Unser Vorschlag: G 20 auf einem Kreuzfahrtschiff

Am 7. und 8. Juli soll in Hamburg der G 20 stattfinden. Die Regierungschefs und ihre Wirtschafts-, Finanz- und Außenminister aus den 19 wichtigsten Industriestaaten der Welt und der EU wollen sich treffen, um die Weichen der Weltpolitik neu zu stellen. Man will über Wirtschaft, Handel und auch Krisen sprechen. Das ist die wichtigste Konferenz des Jahres, ein Ereignis von Weltgeltung. Putin und Trump und die wichtigsten Entscheider des Weltgeschehens werden kommen. Miteinander reden ist immer gut und Einigkeit noch besser. Also nichts gegen dieses Treffen und den politischen Sinn.
Aber alles gegen den vorgesehenen Konferenzort: die gläsernen Hamburger Messehallen. Einen instabileren Versammlungsort hätte man kaum wählen können. Ein Glashaus mitten in der Stadt. Wie gemacht für Steinewerfer. Und bei Steinen wird es nicht bleiben. In allen Ländern hat man solche Gipfelkonferenzen stets in abgelegene Gebiete außerhalb von Ballungsräumen gelegt. Auch in Deutschland wurden derart wichtige Konferenzen bisher abseits von Großstädten abgehalten: in Heiligendamm beispielsweise, abgelegen am mecklenburgischen Ostsee-Ufer, leicht zu umzäunen, leicht zu beschützen. Oder – wie im Sommer 2015 – auf Schloss Elmau im bayrischen Süden, ebenfalls gut zu schützen und zu überwachen.
Welcher Teufel hat die Bundesregierung nun geritten, diese Konferenz mitten in eine deutsche Großstadt zu legen, direkt neben das angrenzende und ohnehin hochsensible Schanzenviertel in Hamburg, die Heimat vieler tausend Rebellen gegen den Staat und seine Institutionen. Muss man eine so weltwichtige Konferenz wirklich in Steinwurfnähe  zur „Roten Flora” und zur Hafenstraße veranstalten? Ich halte das für eine total überflüssige Provokation. Jean-Claude Juncker geht ja auch nicht im Brüsseler Stadtteil Moelenbek spazieren. Marine Le Penn lässt sich wohlweislich nicht in den Pariser Banlieues blicken. Und selbst Donald Trump käme nie auf die Idee, seine Gäste in die New Yorker Bronx einzuladen.
Aber Angela Merkel (CDU) will es offensichtlich wissen. Sie lässt im Juli zur Hauptferienzeit ein Heer von Polizisten nicht in ihren wohlverdienten Sommerurlaub fahren – Urlaubssperre in allen Bundesländern – sondern Bundespolizisten, Landespolizisten, Grenzpolizisten mit Hunderten von Polizeiautos und Mannschaftswagen nach Hamburg karren. Über 10.000 Polizeibeamte sollen Extra-Schichten schieben, in Turnhallen übernachten, nur um die hohen Damen und Herren aus aller Welt vor einem tobenden Polit-Mob zu schützen. Meuterer aus ganz Europa werden anreisen, um in Hamburg einen Krieg der Molotow-Cocktails, Pyrobomben und Pflastersteine zu entfachen. Oder – ich hege den Verdacht – will man der Bevölkerung am brennenden Beispiel vor Augen führen, wie dringend die Bundeswehr auf Einsätze im Inland vorbereitet werden sollte?
Schon jetzt wird den Anwohnern der betroffenen Stadtteile nahegelegt, sich Anfang Juli möglichst außerhalb der Stadt aufzuhalten oder an den Tagen 6., 7. und 8. Juli ihre Wohnungen und Häuser nicht zu verlassen. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hat schon jetzt heftige Schluckbeschwerden, wenn er an den Juli denkt. Zwar hatte er der Anfrage aus Berlin noch zugestimmt, als die Bundesregierung ihr Vorhaben für Hamburg plante. Aber seine Bauchschmerzen sind jetzt unübersehbar. Zumal die Hamburger mit der Ablehnung der Olympischen Spiele ja gezeigt haben, wie sehr sie gegen solche Massenspektakel sind.
Und dann natürlich die Frage nach dem Geld: vorsichtig werden rund 500 Millionen Euro deutscher Steuergelder für den Schutz dieses Gipfels veranschlagt. In Kanada hat der vorige G 20-Gipfel schon das Doppelte, also rund eine Milliarde Dollar, verschlungen. Das ist mehr als die ganze hochumstritten teure Elbphilharmonie gekostet hat. Das ist auch mehr als alle deutschen Kitas zusammen kosten! Aber ich merke, dass ich schon argumentiere wie die „Störer”, die zu Tausenden nach Hamburg kommen werden.
Also schalte ich meine Vernunft ein und mache einen sicheren und viel, viel preisgünstigeren Vorschlag: Veranstaltet diesen G 20-Gipfel doch auf einem Kreuzfahrtschiff! Und diesen Luxusdampfer lasst Ihr auf der Ostsee kreuzen, beschützt von Marinebooten aus Warnemünde oder Flensburg. Welch eine luxuriöse Bleibe mit allem Komfort für die Hohen Damen und Herren! Außenkabine mit Blick auf die Ostsee! Bordküche mit erlesenen Köstlichkeiten. Kurze Wege, reger Austausch. Was will man mehr? Die Theater auf der AIDAprima etwa oder auf der EUROPA 2 oder auf der MEIN SCHIFF 5 fassen genauso viele Menschen wie das Auditorium einer Messehalle. Alle technischen Erfordernisse sind vorhanden! Die Konferenz könnte in Ruhe und fruchtbarer Abgeschiedenheit stattfinden. Ungestört von Lärm und Stress und mancherlei Gefahren!
Stattdessen setzt Ihr Euch in eine gläserne Messehalle, die ja notgedrungen zur Festung werden muss. Zehntausend Polizisten als Beschützer. Johlende Menschenmassen ringsherum. Gepanzerte Wasserwerfer, Gummigeschosse, Tränengas, möglicherweise Tote und Verletzte. Und in diesem Hexenkessel wollt Ihr noch einen ruhigen Gedanken fassen? Ich sage Euch – gerade auch in diesem Fall: Navigare necesse est. Geht raus auf See!
Ihnen allen einen schönen Sommer, an Land, an Bord, wo immer Sie uns lesen.
Herzlich, Ihr Herbert Fricke

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