FRACHTERREISE 18

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 108Nächtliche Heckansicht des Kühlfrachters HANSA LÜBECK in Portsmouth/Südengland. Fotos: Dr. Peer Schmidt-Walther, Stralsund

Dr. Peer Schmidt-Walther

Cool nach Colombia zur Costa Banana
Mit MS HANSA LÜBECK und krummen Sachen über den großen Teich

Welcher Frachterreisenfan hat nicht schon mal von einer Reise auf einem „Bananenjäger” ‒ in der Seemannssprache auch kurz „Banane” genannt – geträumt?! Auf ihrer Wunschliste rangiert so ein Törn nach Mittel- und Südamerika ganz obenan. Zur kleinen Flotte deutscher Kühlschiffe zählen auch die vier 12.000-Tonnen-Spezialfrachter der Hamburger Reederei Leonhard & Blumberg. Damit kann man sich seinen Traum erfüllen.

Antwerpen im Januar: Ein steifer Westwind bläst böig über den abendlichen Hafen. Ungemütlich und völlig unromantisch. Der Fahrer des Reedereiagenten, der mich vom Bahnhof abgeholt hat, kurvt durch weiße Blechkisten-Gebirge. Kühlcontainer. Dann ein mächtiger Steven. HANSA LÜBECK steht in blauen Lettern auf hellbeigem Grund. Wir sind am Ziel: 12.000 Tonnen groß und 156 Meter lang – mein Domizil für die nächsten vier, vielleicht sogar fünf Wochen.
07.30 Uhr ‒ Neben meiner Koje schrillt das Telefon. „Sir, breakfast is prepared”, höre ich vom anderen Ende der Leitung. Der Steward meint’s gut mit mir, doch ich verzichte.
Trotz Halbschlaf muss noch ein erster Blick nach draußen sein: grün-graue ruppige See, Wolken im Tiefflug, Regen – typisches Kanalwetter im Winter. Da drehe ich mich lieber in der Koje noch mal um.
Später, querab der englischen Südküste, klingelt noch einige Male das Handy. Von Udo Wölms, Chief mate des Containerfrachters MSC GENEVA, meinem nächsten Schiff, erfahre ich, dass es gerade in die Schelde einläuft: „Wir verfolgen Euch”, lacht mein Stralsunder Nachbar, „denn mal Tschüß, gute Reise und bis demnächst!” Er dampft mit seinem 275 Meter langen 63.000-Tonner und rund viertausend mit allem Möglichen vollgestopften Blechkisten nach Südafrika. Wir dampfen nach Süd- und Mittelamerika mit einer bunten Ladung aus Papier, Reifen, Chemikalien, Maschinenteilen, Milchpulver, Bier und Gemüse in den Laderäumen und viel weniger Containern an Deck.

Bier lernt Fliegen
Schon gegen Abend sind wir allein auf weiter See. Kurs immer nur Südwest in die Wärme unserer tropisch-grünen Fracht entgegen. Noch ist es lange nicht soweit. Bis zum ersten Hafen Rio Haina in der Dominikanischen Republik liegen rund 4.200 lange Atlantik-Seemeilen vor uns. Ein schräg von achtern blasender feindlicher Westwind in Sturmstärke schüttelt uns kräftig durch und bringt die Container und ihre Laschstangen zum Schwingen. Eine Kakophonie aus Knarzen, Sirren, Brummen und Grollen. Der nicht voll beladene Frachter rollt heftig hin und her. Da muss alles in der Kammer festgezurrt sein und sicher stehen. Nicht nur man selber sollte standfest sein, auch das Bier. Das gibt der Kapitän abends gegen einen vorher geschriebenen Bestellzettel nur widerwillig heraus: „Muss das schon sein?!“ Anscheinend ist er noch müde von den stressigen Hafentagen.
Nachts wird die Uhr eine Stunde zurückgestellt. Das wiederum heißt eine Stunde länger schlafen – nicht so einfach bei der verdammten Schaukelei. Die erste Flasche Bier fliegt samt Inhalt in hohem Boden auf den Teppichboden. Graue Wolken fetzen im Tiefflug über die Wellenberge. Sturm aus West mit 30 Metern pro Sekunde beutelt die HANSA LÜBECK. Gischtkaskaden explodieren am Steven und steigen haushoch über die nickende Back. Irgendwann bricht sich die Sonne Bahn. Ständig wechselnde See- und Himmelsstimmungen. In der Brückennock wird man vom Salz überkrustet. 3. Offizier Fernando Pimentel hat Acht-Zwölf-Wache. „Wir Philippinos fahren alle zur See”, sagt der junge Mann, „weil wir es müssen – um unsere Familien zu unterhalten”. Neun bis zwölf Monate halten sie an Bord aus, im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen, die meistens nur vier Monate am Stück fahren.

Brand in der Proviantlast
Statt eines Mittagsschläfchens verkeile ich mich in der Koje und lese. Bis die Alarmsirene aufheult: Generalalarm, sieben kurze, ein langer Ton! Ich schnappe mir die Rettungsweste und melde mich auf der Brücke beim Kapitän. So will es das Reglement für Passagiere auf der HANSA LÜBECK. Da stehe ich dann herum und lausche den UKW-Anweisungen von Dieter Rothe. Die Crew indes sammelt sich mit Sicherheitshelmen, Westen und in Overalls um den Zweiten Alfredo Pineda am Freifall-Rettungsboot achtern. Er erklärt alle Abläufe, bis der Kapitän einen Brandherd in der Proviantlast meldet. Nur zur Übung natürlich. Der Feuerstoßtrupp rennt nach unten, um Feuerbekämpfungs- und Atemschutzgerät aufzunehmen, Schutzanzüge anzulegen und die Schläuche auszurollen.

Als wennste schwebst
Auch nachts wird es plötzlich laut. Als ob ein Riese mit Hammerschlägen gegen die Bordwand wummert. HANSA LÜBECK steigt und fällt und zittert beängstigend. Der Sturm hat zugenommen: auf über 40 Meter pro Sekunde, wird mir der Dritte am nächsten Morgen berichten. Satte zehn Beaufort. Die See wirft Kämme von zwölf Metern Höhe und mehr auf. Man kann sich kaum noch auf den Beinen halten und sucht überall Halt, nach dem alten Motto: Eine Hand für dich, eine fürs Schiff. Wand- und Deckenverkleidungen knarzen wie Segelschiffstauwerk unter der Belastung. Selbst im Treppenhaus ist das stürmische Orgel- und Pfeifkonzert zu hören. Da bleibt nur eins: Koje und lesen.

Zylmann Welcome Aboard 470Wenn der Steven in ein Wellental taucht, hebt die See die beiden Vier-Tonnen-Anker und lässt sie donnernd gegen die Bordwand krachen, mit schaurigem Widerhall aus der Vorpiek. Es scheint, als ob der Nordatlantik atmet. „Als wennste schwebst”, berlinert Bernd Ruschel grinsend. Auf der Back kann man sich wie die Turmbesatzung im Film „Das Boot” fühlen. Mit dem Unterschied, dass das hier live spielt.
Kapitän Rothe wählt schließlich einen südlicheren Kurs. Er will das Tiefdruckgebiet umfahren. Weiter „unten” liegt ein Azoren-Hoch mit besserem Wetter.

An der Wetterfront
Endlich: etwas ruhigere See und Sonne! HANSA LÜBECK steckt mitten im Azoren-Hoch. Unter dicken Abendwolken kommt die Insel Sao Miguel in Sicht. Erinnerungen an „Dinner for one” werden wach, als James dem „Tischpartner“ von Miss Sophie, Sao Miguel, zuprostet.
Chance für eine telefonische Meldung bei meiner Frau. „Ihr müsst ja ganz schön durchgeschüttelt worden sein”, höre ich sie vom fernen Strelasund, „nach den Wetterkarten zu urteilen”. Ich kann sie nur bestätigen und ein paar knappe, weil teure Schilderungen „von der Front” anhängen. In drei Meilen Abstand passieren wir den schwarz-grünen vulkanischen Bergklotz mit seinen weißen Wohnwürfeln auf der schroff abweisenden Steilküste. Schnell noch ein paar Walking-Runden durch Containerstapel ums Hauptdeck über meinen Lieblingsplatz, die Back. Mit unverstelltem Fernblick und Ruhe ohne Maschinengewummer. Fast wie auf einem Segler.

Seemannssonntag
Vorhang auf für pure Sonne! Tintenblauer Ozean mit Sahnehäubchen und eingestreutem Streußel – schokoladenbraune Tangfetzen. Außentemperatur schon 24 Grad. Von einem Tag auf den anderen. Jeans in den Schrank und Shorts ’raus, dem karibischen Sommer entgegen. Bernd Ruschel schaltet die Klimaanlage auf 20 Grad.
Wir segeln mit 20 Knoten vorm Wind. Ich suche mir ein lauschiges Plätzchen auf der Back. Fliegende Fische schnellen wie zur Begrüßung aus dem Wasser, als ihnen die massige Wulstbugnase zu nahe kommt.
Nach dem ersten Sonnenbad ein paar Runden ums Schiff gelaufen. Dabei begegne ich dem Zweiten Offizier Alfredo Pineda beim täglichen Sicherheitscheck. Sein Job. Kurze Frage: Schon mal stowaways, blinde Passagiere, gehabt? „Na, klar”, sagt er, „die scheuen auch nicht die niedrigen Temperaturen im Laderaum. Bananen dürfen nicht mehr als 13 Grad haben, damit sie nicht vorschnell reifen”. In südamerikanischen Ländern sei das Einschleichen ein genauso großes Problem wie Drogen.
Nach 20 Runden komme ich auf gut sechs Kilometer. Schweißgebadet, mit ölig-salzigen Händen von den Handläufern der Niedergänge. Bei Schwell gerät das Laufen zur Berg- und Talwanderung. „Nicht ganz ungefährlich”, warnt der Chief.

Durchs Tor der Karibik
Der Nord-Ost-Passat bläst uns nach neun Seetagen durch die berühmte Mona-Passage, das Nadelöhr zwischen Puerto Rico und der Dominikanischen Republik, in die Karibik. Dann entdecke ich sie: die erste Banane auf diesem Bananendampfer – in der Hand eines Matrosen. Ich muss einen so erstaunten Eindruck auf ihn gemacht haben, dass er mich grinsend und kauend in den Bootsmanns-Store schickt: „Da steht ein ganzer Karton, kannst Dich bedienen!”
Wenig später dringen Grilldüfte durch die Klimaanlage in meine Kammer. Auf dem Achterdeck gart ein Ferkel über Holzkohleglut am Spieß, mit ruhiger Hand und geduldig gedreht von einem Oiler aus der Maschine. Zur Dinner time ist Barbecue angesagt, und der Erste Alexej Ishakov aus Sankt Petersburg hat Geburtstag. Samstagabend auf See. Die Philippinos, nicht nur untereinander sehr kommunikationsfreudig, werden mit jedem Bier ausgelassener.

Sundowner im Stop-and-go
Plötzlich, kurz nach der Mona-Passage, stoppt die Maschine, 4.224 Seemeilen nach Antwerpen. HANSA LÜBECK treibt motorlos wie ein Großsegler vor dem Wind. „Wir haben jetzt zwei Tage Zeit”, freut sich der Chief, „unser Liegeplatz in Rio Haina bei Santo Domingo ist noch besetzt”. Lutz Sprenger kann endlich mit seiner technischen Truppe einen Kolben ziehen.
Gegen Mittag zeichnet sich voraus im blauen Dunst die felsige Südküste der Dominikanischen Republik ab. Garniert von tropischem Grün und rostigen Industrieanlagen mit rauchenden Schloten. Neben der Hafeneinfahrt ein von der See zerschlagenes Frachter-Wrack. Der hat hier offenbar nicht die Kurve gekriegt. Der Lotse dirigiert den 12.000-Tonner pünktlich – High noon! – an eine Pier in der Mündung des Rio Haina, nach dem auch der Hafen benannt wurde.
Am Nachmittag holt uns ein freundlicher Agent ab. Bernd Ruschel möchte im Auftrag des Chiefs einen neuen Rechner kaufen. Nach einer halben Stunde abenteuerlicher Kutscherei downtown findet der Dominikaner den richtigen Laden, Ruschel einen Rechner zu gutem Preis. In der pulsierenden, vom spanischen Kolonialstil geprägten Altstadt lassen wir uns auf einer Piazza unter schattenspenden Palmen nieder. Es ist nicht heiß, nur angenehm warm. „Winter”, sagt der Agent. Bei Pizza und lokalem Bier genießen wir das Flair der Inselhauptstadt.
Nach Sonnenuntergang erreichen wir das Hafentor. Lockere Sichtkontrolle, man kennt sich. Wer noch im dunklen Fond sitzt – egal. ISPS-Sicherheitsvorschriften mit Identitätskontrolle und Abgleich der Crewliste? Weit entfernt davon! Hier nimmt man die amerikanische Bevormundung anscheinend gelassener als anderswo.

UNESCO- und polizeigeschützt
Am 14. Seetag läuft MS HANSA LÜBECK in die Bucht von Cartagena ein. Die schmale Einfahrt ist festungsbewacht, am Strand mit Palmwedeln gedeckte Hütten. Scharfer Kontrast um die Ecke: Hinter dem Leuchtturm taucht vor uns eine Manhattan-Kulisse mit Wolkenkratzern auf. Neben dem Fahrwasser eine Marien-Statue, die an die viel größere Freiheitsdame vor New York erinnert. Über die roten Ziegeldächer der jahrhundertealten Ciudad veja ragen Kirchtürme und Kuppeln, gekrönt von einem Berg mit aufgesetztem Kloster. Kolumbiens Cartagena gilt als die schönste unter den kolonialen Hafenstädten Amerikas. Unser Schiff liegt nahe der UNESCO-geschützten Altstadt. Im Ladebüro drückt mir Chief mate Ishakov den Landgangsausweis in die Hand. Die Kontrollen am Ausgang sind diesmal streng.
Hinein per Taxi ins südamerikanische Verkehrsgetümmel. Vorbei an der wuchtigen spanischen Festung Castillo Grande mit Touristenschlangen davor und einen altstadtnahen Parkplatz gesucht. Per pedes geht es weiter, denn die engen Gassen, die von ansehnlich restaurierten Kolonialbauten eingefasst sind, gehören den Fußgängern. Rafael dirigiert mich zielstrebig in einen Laden. Ringsum, wie eigentlich überall starke Polizei- und Militärpräsenz, Maschinenpistolen im Anschlag. Zumindest tagsüber ist das Viertel sicher. Mich zieht es zum Baden an den Boca-Grande-Strand. Wozu habe ich Badehose und Handtuch eingepackt?! Ich genieße das warme Karibik-Wasser in vollen Zügen, derweil Taxi-Fahrer Rafael meine Sachen bewacht. Wieder im Hafen, fällt mir auf, dass ein Boot der Küstenwache an unserem Schiff auf und ab patrouilliert: „Drogas!”, grinst ein kolumbianscher Arbeiter auf meine erstaunte Frage.

Vom Winde verweht
Schlappe 129 Seemeilen nach Norden bis Santa Marta, ein nautischer Katzensprung! Spätabends dann die Nachricht: Liegeplatz von einem defekten Schiff belegt. Langsame Fahrt und wieder Unsicherheit. Kapitän Rothe geht schimpfend aus sich heraus: „Auf nichts kann man sich hier verlassen!” Ich hingegen sehe das positiv, denn es könnte ja ein Landgang am Tage dabei herausspringen.
„Glück” gehabt: erst Frühmorgens schiebt sich die Sierra Nevada, der nördlichste Anden-Ausläufer, über die klare Kimm. Mit 5.770 Metern hält sie den Höhenrekord unter allen Küstengebirgen der Welt. Santa Marta liegt traumhaft versteckt in einer bergumschlossenen Bucht. Die beige-braunen Hänge sind geradezu überwuchert von Kakteen. Trockene Fallwinde sorgen dafür. Gerammelt volle Strände und Hotels beherrschen den Küstenstreifen. Karneval steht vor der Tür.
Um neun Uhr möchte ich an Land gehen, denn alles ist fußläufig schnell erreichbar. „Loading is soon completed”, bescheidet mich der Chief mate, „nix Landgang!” Mit meinem Shore pass kann ich anscheinend nichts mehr anfangen. Die Zeit verrinnt, doch nichts rührt sich – oder doch?
Plötzlich von der Pier Schreie. Hafenarbeiter gehen hinter Containern in Deckung. Eine unserer Festmacherleinen in ihrer Nähe knallt beängstigend, als würde sie gleich brechen und wegfliegen. Lebensgefährlich! Der böige Wind von den Bergen übt mächtigen Druck aus auf die große Segelfläche der HANSA LÜBECK. In der scharfkantigen Klüse hat sich das Kunststoffmaterial schnell wundgescheuert. Sie wird ausgewechselt und gespleißt.
Der Wind sorgt auch für Müllbeseitigung. Ich traue meinen Augen nicht, als die Bucht übersät ist von blauen Plastiksäcken und Pappkartons. Eben lagen sie noch auf einem LKW, der neben der Bordwand parkt. Kurz vorher haben ihn unsere Matrosen auf die Ladefläche gepackt, nun schwimmt das Zeug davon. Ich kann gerade noch ein paar dokumentarische Fotos schießen.

Müll-Theater ‒ arretiert
Mit hoher Fahrt steuert ein Schnellboot der Küstenwache das vom Winde verwehte Treibgut an und fischt ein paar Säcke heraus, mehr nicht, unverständlicherweise. Hinter unserem Heck legen die Wasserschützer mit ihren Beweisstücken an, bald umringt von über Funk angeforderter uniformierter Verstärkung. Das kann spannend werden! Vor allem für uns. Die Herren stelzen wichtigtuerisch an Bord und verschwinden im Kapitänssalon. Nach drei Stunden tauchen sie wieder auf, Kapitän Dieter Rothe im Gefolge. Das Schiff, so Chief mate Ishakov, werde so lange arretiert, bis der Fall geklärt ist. In Südamerika hat man Zeit. Also kann es dauern ... Eine glückhafte Chance für mich? Ich nutze sie und frage den Wachsoldaten an der Gangway. „Si, Senor, no hay problema para usted”, gibt er mir grünes Licht. Ohne jegliche Wertsachen, bis auf meine Billig-Armbanduhr, aber mit Badehose und Handtuch bewaffnet marschiere ich los zum hafennahen Strand. Immer die HANSA LÜBECK im Blick. Für den Fall der Fälle müsste ich sofort losspurten. Der Wachmann an Bord weiß aber, wo ich bin. Notfalls würde man mich per Typhon verständigen. Die Karibik lockt. Ich bade, völlig unbehelligt, aber mit herumalbernden Kindern, kläffenden Hunden und im Sturzflug neben mir eintauchenden Pelikanen. Nach elf Stunden quälenden Wartens können endlich die Auslaufvorbereitungen beginnen. Langsam versinken die Lichter von Santa Marta im Kielwasser. HANSA LÜBECK beginnt wieder ihr Schaukel-Ballett. Noch 532 Seemeilen bis Moin, dass wie der norddeutsche Rund-um-die Uhr-Gruß heißt. Der kleine Hafen liegt bei Puerto Limon in Costa Rica.

Plattdeutsch in Costa Rica
Es ist heiß auf See – drückende 33 Grad im Schatten. An Backbord irgendwo die Einfahrt zum Panamakanal. Ein Schiff passiert vor uns und steuert die künstliche Wasserstraße zwischen Atlantik und Pazifik an, das erste, dem wir auf hoher See begegnen.
Am 16. Tag gegen 20 Uhr kommen die Lichter des Ortes in Sicht. Wieder müssen wir treiben, weil der Liegeplatz noch nicht frei ist. Vier Bordkräne schwingen aus, weiße Container schweben durch die tropisch feuchte Luft, Luken werden geöffnet. Sofort beginnen die Lade- und Löscharbeiten. Ein herrlich süßer Ananas-Duft liegt in der Luft. Von der begehrten und preiswerten Exotik-Frucht sollen 720 Tonnen in Kartons auf Paletten geladen werden. Endlose Kolonnen von schweren Kühltrucks amerikanischer Fabrikate haben sich an der Pier aufgereiht, um ihre begehrte Fracht loszuwerden. Einer nach dem anderen röhrt aus hohen verchromten Auspuffrohren rußend heran.
Am nächsten Morgen: Ein lokaler Malertrupp pönt von schwankenden Stellagen aus den rostigen Steven um den Anker herum. Der Vorabeiter spricht mich auf Deutsch an, als ich fotografiere. Sogar Platt kann er: „Ick bünn mal op dütsche Schepen foarn”, lacht er. Er kann mich auch mit Landgangs-Tipps versorgen.
Ein paar hundert Meter rechts vom Hafenausgang dehnt sich ein kilometerlanger, menschenleerer, braunsandiger Strand mit schöner Brandung. Da habe ich auch keine Hemmungen, FKK zu baden.
Zum sonntäglichen Steak-Dinner bin ich mit einem bunten Blumenstrauß wieder an Bord. Ein Wachmann schenkt mir sechs reife Ananas – „gut für die Potenz”, grinst der russische Zweite Ingenieur ‒, deren Duft meine Kabine füllt, sogar aus dem Kühlschrank heraus. Kurz vor dem Auslaufen checkt ein Taucher noch den Rumpf nach versteckten Drogen. Er wird zum Glück nicht fündig. Um 20 Uhr ziehen die Schlepper wieder an. 431 Seemeilen durch die Bucht von Panama bis nach Turbo an der kolumbianisch-panamaischen Grenze sind über Nacht abzudampfen.

Seguridad Privada ‒ Drogenjäger
20 Tonnen Karibik, warm wie in einer Badewanne, gurgeln in den Drei-mal-vier-Meter-Pool hinter der Brücke. Der Seegang schaukelt das Wasser zum Wellenbad auf. Mit Fernblick über den Rand und das weite Meer bis hin zu den San Blas Inseln, bewohnt nur von ein paar Indianer-Familien.
Das Kielwasser schäumt. HANSA LÜBECK fliegt mit 21 Knoten nur so dahin. „Die Bananen warten nicht”, schaut Dritter Offizier Fernando Pimentel von seinen Seekarten-Korrekturen auf, „zu langes ungekühltes Lagern bei tropischen Temperaturen macht sie unbrauchbar”. Daher müsse aufs Tempo gedrückt werden, auch um mögliche Schlechtwetterphasen zu kompensieren.
Während die Matrosen spleißen, Rost abschleifen und malen, überwachen Zweiter Offizier, Elektriker und Kühltechniker die digitalen Temperaturanzeiger der Kühlanlagen. Hin und wieder taucht auch mal ein nach Luft schnappendes „Kellerkind” aus der Maschine an Deck auf. Gegen 20 Uhr soll das Schiff lade- und löschklar zu Anker vor Turbo im Golf von Uraba liegen. In unserem dritten kolumbianischen Hafen wird das Schiff proppevoll geladen mit 5.000 Tonnen Bananen auf Paletten und in 32 Containern.
Sicherheit geht hier über alles. Zusammen mit dem Lotsen klettern zehn junge, kräftige Männer unter Waffen an Bord. „Seguridad Privada”, „Private Sicherheit” ist auf den Rücken ihrer schwarzen Overalls zu lesen. Jedes Schiff, insgesamt liegen fünf „Bananenjäger” auf Reede, ist in ihren Augen ein potenzieller Drogentransporter. Bevorzugte Verstecke sind Container. „Auf HANSA LÜBECK wurde der Stoff mal per Zufall in einem defekten Lüfter entdeckt”, erzählt mir Bernd Ruschel.
Ein Schlepper bringt rund 50 Arbeiter an Bord. Body- und Taschencheck durch die Marshals. Flache Bargen werden längsseits bugsiert, „damit”, so Ruschel, die Container ’runterkommen. Erst dann können die Luken geöffnet und beladen werden”. Die von unseren Kränen abgehobenen Kisten hängen an einer Festmacherleine als langer Schwanz hinterm Heck und wedeln im Wind hin und her. Die Kolumbianer sind ausgerüstet für die lange Nachtschicht. In Taschen bringen sie Essen und Getränke mit. Während der Pausen schlafen sie auf Pappunterlagen an Deck oder in Hängematten. Danach putzen sie sich hingebungsvoll lange die Zähne und pinkeln durch die Reling, obwohl es Toiletten für sie gibt.

Violencia überall
Mein Telefon schrillt, in aller Herrgottsfrühe. Am Apparat Kapitän Rothe. Ob ich mit auf eine Bananenplantage fahren wolle? Gerne! Als ich dann den Preis – 330 US-Dollar! – höre, lehne ich dankend ab. Da fühle ich mich von einem millionenschweren Konzern über den Tisch gezogen. Der Monatslohn von Steward Tony. Obwohl mich das Zentrum des kolumbianischen Bananenanbaus mit seiner Schmugglerstadt im Wild-West-Stil schon gereizt hätte. Die Region, erzählt mir ein Wachmann später, ist eine der am stärksten von der Violencia – Schutzgelderpressungen, Entführungen und gewalttätige Auseinandersetzungen – heimgesuchten Ecken des Andenstaates. Irgendwie bin ich doch erleichtert, nicht an Land gegangen zu sein. Stattdessen bleibe ich an Bord und beobachte von hoher Brückennock-Warte aus das quirlige Leben und Treiben unter mir, untermalt vom Sirren der Kranmotoren.
33 Grad im Schatten, für ein Sonnenbad zu heiß. Der Pool ist leer, das beige-braune Seewasser zu sedimentbelastet. Die Alternative: ein Mittagsschläfchen. Das ist Punkt 15 Uhr zu Ende. Steward Tony Cabanog klopft energisch an meine Tür. Der wohlmeinende junge Mann will nur ein Stück frisch gebackenen Apfelkuchen mit Streußel samt einem Pott Kaffee bei mir loswerden. Wie immer strahlend-freundlich. Aha, heute ist Donnerstag, also Seemannssonntag. Da lässt man sich gern aus süßen Träumen wecken, um ebensolche realen zu genießen.
Gegen 21 Uhr schwebt der letzte Container an Bord, die Kräne senken sich in Ruheposition und die Luken können geschlossen werden. Per Motorboot fährt der Erste ums Schiff, um im Taschenlampenschein die Tiefgangsmarken abzulesen. Schlepper zerren die Bargen von der ramponierten Bordwand, Arbeiter und Sicherheitsleute verlassen den Frachter. An Deck hinterlassen sie einen Müllberg.
Beginn der Heimreise um 22 Uhr. Eineinhalb Stunden später stoppt HANSA LÜBECK schon wieder. Mit einem Boot der Coast Guard sind Taucher längsseits gekommen. „Die checken”, erklärt Bernd Ruschel, „den Rumpf nach versteckten Drogen ab”. Nach dreißig Minuten ergebnisloser Suche wird der Frachter endlich freigegeben.
4.621 Seemeilen oder elf Tage über den winterlich rauen Nordatlantik liegen vor uns – mit vielen Unbekannten. In Deutschland, lesen wir, ist inzwischen ein bisschen der Winter eingekehrt mit Frost und Schnee. Davon sind wir zum Glück noch sehr weit entfernt.

Nach Merry Old England Kurs Hamburg
Am elften Seetag macht HANSA LÜBECK in Portsmouth fest, in Steinwurfweite des Royal-Navy-Stützpunktes und Stadtnah. Vor uns liegen, wie um uns zu bewachen, graue Flugzeugträger, Kreuzer und Zerstörer. Kräne und Schauerleute packen mit europäischem Tempo zu. Ich hingegen habe Zeit, einen Tag und eine halbe Nacht. Erst um sechs Uhr in trüber Frühe klatschen die Leinen ins Tyne-Wasser.
Der Sechs-Meter-Propeller peitscht mit Höchstfahrt die regenverhangene, unruhige Nordsee. Tagesverbrauch dabei: 25 Tonnen Schweröl. Die Luft ist ungewohnt frostig, der passende Empfang in heimischen Gewässern. Unglaublich, aber wahr: Pünktlich um sechs Uhr, wie berechnet und trotz Verspätung, stoppt HANSA LÜBECK vor Elbe I. Der Seelotse steigt auf. Über Brunsbüttel und der Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal, wo der Elblotse an Bord kommt, geht sogar die Sonne auf. An Backbord präsentiert die Hansestadt ihre berühmte maritime Schokoladenseite mit Michel, der CAP SAN DIEGO, RICKMER RICKMERS und dem russischen Vollschiff MIR an der Überseebrücke. HANSA LÜBECK schiebt sich fast bis ans Ende des Hafens vor den Elbbrücken. Für mich eine Premiere. Am O’Swald-Kai wird festgemacht. „Ende der Seereise”, vermerkt das Logbuch lakonisch. „Alles Banane”, lächelt der sonst so muntere Berliner Ruschel gequält, „solange ich noch nicht zu Hause bin”. Buchung: www.zylmann.de

Schiffsdaten
MS HANSA LÜBECK (Schwesterschiffe: HANSA BREMEN, HANSA VISBY, HANSA STOCKHOLM): Bauwerft: Bremer Vulkan; Ablieferung: 7.12.1990; Reederei: Leonhardt & Blumberg, Hamburg; Flagge: Liberia; Heimathafen: Monrovia; IMO-Nummer: 890 906 8; BRZ: 11.981; tdw: 12.942; Länge: 156, 86 m; Breite: 23 m; Tiefgang (max.): 9,50 m; Höhe Kiel-Mast: 37,25 m; Crew: 21; Passagiere: 4; Klasse: Germanischer Lloyd (GL): 100 A 5 Refrigerated Cargo Ship, equipped for carriage cars and containers; 428 TEU; Hauptmaschine: BV/MAN/B&W 7L60MC; Leistung: 11.200 kW/15.220 PS; 2 MAN/B&W-Hilfsdiesel: 1.470 kW, 1.050 kW; 1 vierflügliger Propeller, Durchmesser 6 m; Geschwindigkeit (max.) 22 kn; Verbrauch/Tag (max.): 25 t Schweröl. Route (wechselnd, je nach Charterer); Dauer einer Rundreise: vier bis fünf Wochen.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 1MS HANSA LÜBECK rauscht in voller Fahrt durch die Nordsee.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 11Chief (l) und Reefer-Ingenieur im Maschinenkontrollraum (MKR).

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 15Passagierkabine mit Blick nach achtern.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 17Koch (l) und Steward in der Kombüse.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 19Blick in die noch weihnachtlich geschmückte Mannschafts-Messe.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 24Offiziere beim Barbecue-Rotwein im Atlantik.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 31Einlaufen Puerto Haina bei Santo Domingo/Dominikanische Republik.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 42MS HANSA LÜBECK lädt Kühlcontainer in Cartagena/Kolumbien.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 46Ankernde Yachten vor der Skyline von Cartagena/Kolumbien.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 49Die mittelalterliche Festung überragt Stadt und hafen von Cartagena/Kolumbien.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 51Die breite Hecksee schäumt beim Auslaufen von Cartagena/Kolumbien.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 55Vom Winde verweht: Schiffsmüll-Säcke im Hafen von Santa Marta/Kolumbien.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 68Die strandgesäumte Urwaldküste von Puerto Moin/Costa Rica. HANSA LÜBECK verabschiedet sich von Mittelamerika und geht auf Transatlantik-Fahrt.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 884.621 Seemeilen oder elf Tage über den winterlich rauen Nordatlantik liegen vor uns. – Originelle Kneipen im historischen Hafenviertel von Portsmouth/Südengland.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 90Das Flaggschiff VICTORY von Admiral Nelson im Marinehafen von Portsmouth/Südengland.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 99Die berühmte Hafenkneipe „The Bridge Tavern” mit Spinnaker Tower im Hafen von Portsmouth/Südengland.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 101Lotsenboot im Hafen von Portsmouth/Südengland.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 102Kirchenruine nahe der Hafeneinfahrt von Portsmouth/Südengland.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 110Das Villenviertel von Hamburg-Blankenese an der Elbe wird an Backbord passiert.

17418 HANSA LUEBECK Bananenfrachter Mittel Suedamerika 115Kapitän Dieter Rothe (vorn) und Lotse (verdeckt) beim Einlaufmanöver in den Hamburger Hafen.

 

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