Polarsommer 8

17608 Tag7 Kvannefjord morgens Foto Sven NiederDie CAPE RACE bei schönstem Wetter vor dem Avangnardlek Sermilik (Gletscher) am Ende des Kvannefjords bei Paamiut. Foto: Sven Nieder

Elke Lindner
Grönlands Südwest-Küste im Polarsommer
Reisetagebuch CARA05 2017

 

Donnerstag, 22. Juno 2017 ‒ Anreise, sonnig, windstill
Heute erreichten wir Grönland per Flug. In Kangerlusuaq war es fast ebenso wie den Abend davor in Kopenhagen. Nur ein Aufgebot an Mücken vor Ort agierten als Wermutstropfen. Bald ging es weiter nach Ilulissat. Wer einen Blick aus dem Fenster erhaschen konnte, sah weiße Eisberge und reichlich blaues Wasser. Das sonnige Wetter zog uns gleich wieder auf Entdeckungsreise, nachdem wir im Hotel unser Zimmer bezogen hatten.

Freitag, 23. Juno 2017 ‒ Ilulissat, sonnig, windstill
Tiere: Spornammer, Polarmöwe, Dreizehenmöwe, Eissturmvögel, Buckelwal
Nach einem reichhaltigen Frühstück im Hotel Arctic begrüßten uns unsere Guides Sven und Elke im Foyer. Sie holten unser Gepäck für das Schiff ab und schickten uns auf einen lokal geführten Ausflug nach Sermermiut. Zuerst ging es ein Stück mit Lisa, einem Lokalguide, durch die Stadt. Außerhalb des Ortes führte ein bequemer Holzsteg über die Tundra, der direkt an einem Aussichtspunkt über dem Kangia endete. Dort, oberhalb der Flutlinie, befanden sich auch die Überreste einer einstigen Inuit Siedlung Sermermiut.
Riesige Eisberge glitzerten im Sonnenschein. Jeder Zentimeter Eis wurde auf die Speicherkarten gebannt, bis wir die Tour auf einem anderen Weg entlang der Küste fortsetzten. Ein Aussichtspunkt war schöner als der andere. Wir stiefelten über knöchelhohe Zwergbirkenwäldchen und wurden von lästigen Mückenschwärmen gepeinigt. Schade, dass kein Lüftchen wehte! Am Ende bogen wir auf den Rückweg nach Ilulissat ein. Nach ein paar eigenen Erkundungsrunden in der Stadt trafen wir uns an der lokalen Souvenirwerkstatt und wurden dort von Sven und Elke in Empfang genommen. Nach einer kurzen Einführung zum Zodiac wurden wir zur CAPE RACE eingeschifft.
Noch während des Abendessens fanden wir uns in unglaublicher Nähe zu den riesigen Eisbergen wieder. Hier an der Eisbarriere, eine Flachstelle vor dem Eisfjord, die zwischen 40 und 90 Meter tief ist, wird die Spreu vom Weizen getrennt. Bis zu 70 Meter hohe Eisberge bleiben hier stecken und müssen sich erst mehrfach drehen und auseinanderfallen, bevor sie den Weg, wie die kleineren Eisberge, in die Diskobucht hinaus fortsetzen können. Das Mittagessen ging schnell von statten und auch die vier Stunden Zeitverschiebung wurden ignoriert. Die meisten von uns blieben bis spät am Abend auf dem Vordeck und genossen die Aussicht.

Samstag, 24. Juno 2017 ‒ Auf See nach Nuuk, leicht bewölkt, windstill, 5°C
Position 7:30 Uhr: 68°11'N, 53°32'W
Tiere: Eiderenten, Gryllteiste, Mantelmöwe, Buckelwal, Sattelrobben
Einige von uns waren heute Morgen schon lange vor dem Frühstück auf, um die Inselwelt südlich von Aasiat zu bewundern. Das Wasser hier war spiegelglatt und vereinzelt blinkten weiße Eisberge zwischen den Inseln. Buckelwale wurden in der Ferne gesichtet. Auch einige Möwen, Gänse und Eiderenten waren ab und an unterwegs. Der Vormittag verlief ruhig. Wir tauschten uns untereinander und mit den Guides über dies und das bei einer Tasse Tee aus, oder träumten an Deck über Wellen und Landschaft. Am Nachmittag erklärte Elke uns etwas über die Vögel, die wir unterwegs treffen könnten und auch Interessantes zu Brut- und Nahrungsverhalten und Anpassungsvermögen der unterschiedlichen Arten.
Vogelfelsen in diesem Bereich der Westküste sind so gut wie nicht mehr besiedelt. Lummenvögel sind auf Grund zu starker Bejagung, Fischfang und Störungen während der Brutsaison aus dieser Gegend so gut wie verschwunden. Eine Studie von 2003 publizierte einen Populationsrückgang von Dickschnabellummen um 80 bis 90 Prozent für den Bestand südlich der Diskoinsel.
Heute würden wir nicht mehr an Land gehen. Der Kapitän wollte so schnell wie möglich die Hauptstadt Nuuk erreichen, bevor wir in eine angekündigte Schlechtwetterfront geraten. Das heutige ruhige Wetter ausnutzend, lud uns Sven ein, seinen neuen Film über Lichtkunst und Grönland zu sehen. Die Jungs aus der Küche überraschten uns mit einer riesigen Schüssel Popcorn. So ließen wir es uns gut gehen und den Abend gemütlich ausklingen.

Sonntag, 25. Juno 2017 ‒ Auf See nach Nuuk & Kangeq, Nebel, windstill, 3°C
Position 7:30 Uhr: 65°17'N, 53°09'W (südlich von Manitsoq)
Tiere: Mantelmöwe, Eissturmvogel
Zum Frühstück schaukelte es leicht, aber noch kamen alle an Deck. Draußen war die See glatt, nur die Dünung rollte das Schiff etwas hin und her. Die Sicht war fast den ganzen Tag lang stark eingeschränkt, auch wenn der Nebel später dünner wurde. So konnten sich ein paar wenige Sonnenanbeter dick eingemummelt an Deck aufhalten. Über den Tag nahm das Schaukeln leicht zu und die meisten verkrochen sich lieber in ihre Kabinen. Das Sitzen am Mittagstisch wurde für einige zur Tortur, auch wenn sie tapfer standhalten wollten. Der Nachmittag gestaltete sich ähnlich, auch wenn sich gegen vier die Sicht besserte. So konnten wir wenigstens die Küste sehen und mit der Kamera den ein oder anderen Eissturmvogel einfangen. Kurz nach sechs drehten wir in die Einfahrt nach Nuuk ein und bald darauf wurde die See ruhig und auch der Letzte konnte am Abendessen teilnehmen.
Währenddessen ankerte das Schiff vor einem geschützten Hafen einer kleinen Insel. Kurz darauf fuhren wir bei der verlassenen Siedlung Kangeq an Land. Ein paar Häuser waren in gutem Zustand und wurden scheinbar noch als Sommerhäuser genutzt. Andere sahen ziemlich zerfallen aus, waren dafür aber umso fotogener. Wir genossen die Freiheit, endlich über Steine und Tundra zu turnen. Wir liefen über Wälder aus Krautweide und durch Krähenbeerenheiden. Hinter einem Hügel lag ein alter Friedhof. Hinter anderen Hügeln gab es weitere verfallene Häuser oder Fundamentreste zu entdecken. Halb zehn ging es zurück zum Schiff.
Eine Stunde später fuhren wir in den Hafen von Nuuk ein. Die hohen Berge im Hintergrund wurden schön von der Abendsonne angestrahlt. Alle waren auf den Außendecks, um das Licht und die Sicht zu genießen. Ein paar von uns zogen mit der Mannschaft noch los, für eine Stunde grönländischen Barerlebnisses.

Montag, 26. Juno 2017 ‒ Nuuk & Færingehavn, bewölkt, windstill, 12°C
Position 7:30 Uhr: 64°10'N, 51°43'W
Tiere: Kolkrabe, Mantelmöwe, Eisente, Schneeammer, Steinschmätzer
Nach einer ruhigen Nacht, ohne Motorengeräusche und Schaukelei ging es auf Erkundungstour durch die grönländische Hauptstadt Nuuk. Moderne Gebäude und Hochhäuser wechselten mit älteren Betonbauten ab. Der Straßenverkehr zeitweise recht rege. Eine Kreuzung wurde sogar von einer Verkehrsampel geregelt. Sven erzählte uns unterwegs einiges zur Stadt und den Gebäuden. Nachdem wir Stadtzentrum und Fußgängerzone durchquert hatten, liefen wir zur alten Kirche. Dort stand die grönländische Flagge noch auf Halbmast, zum Andenken der Opfer des Erdrutsches und des folgenden Tsunamis bei Uumanaq vergangene Woche. Oberhalb der Kirche stand ein Monument von Hans Egede. Der von den Lofoten stammende Pfarrer kam 1721 nach Nuuk, um nach den verschollenen Nordmännern zu suchen. Diese fand er zwar nicht, dafür entschied er sich aber, vor Ort zu bleiben und stattdessen den ansässigen Inuit zum Christentum zu bekehren.
Wie zum Trotz gegen die Christianisierung stand eine Statue von der Mutter des Meeres in der Brandung unterhalb des Egede Felsens.
Dann war es an der Zeit, das Museum zu besuchen. Die Ausstellung war sehr umfangreich. Wir lernten nicht nur um die Herkunft und Einwanderungswellen der heutigen Inuit. In Vitrinen waren zahlreiche archäologische Fundstücke von Werkzeugen, Waffen und Kleidung ausgestellt. Dioramen und kleine Modelle zeigten das harte Leben der Ureinwohner Grönlands in allen Facetten.
Nach dem Abendessen erreichten wir die verlassene Streusiedlung Færingehavn. Leerstehende Gebäude, Totenstille und später Abend trugen zu einer etwas gespenstigen Atmosphäre bei. In einigen Häusern schien der Tisch fast fertig gedeckt, in anderen waren Schränke und Schübe weit geöffnet. Als ob die ehemaligen Bewohner dieser Siedlung Hals über Kopf davongelaufen wären. 1920 bewarben sich Fischer von den Färöer-Inseln beim dänischen Staat um eine Fischereierlaubnis. 1937 wurde hier ein internationaler Fischereihafen eröffnet. Die Gegend war reich an Dorsch und Lachs. 1989 ging die Firma Nordafar in Konkurs und der Betrieb wurde eingestellt. Die letzten Einwohner des Ortes verließen den Platz vor etwa 25 Jahren.

Dienstag, 27. Juno 2017 ‒ Akunnaat/Lichtenfels & Fiskenæset, bewölkt, windstill, 16°C
Position 7:30 Uhr: 63°03'N, 50°45'W
Tiere: Seeadler, Kolkrabe, Mantelmöwe
Die Nacht hatte es wieder wild geschaukelt. Zum Glück war Punkt Frühstückszeit Ruhe. Keine Stunde später erreichten wir die Insel Qeqertarsuaq, wo wir an Land auf Expedition gingen. Wir fanden uns bald in einer geschützten Bucht wieder, wo Fundamente von Häusern und zahlreiche Torfhausgrundfesten die Wiese bedeckte. Gepflasterte Wege waren unter dichten Graswuchs und goldgelben Löwenzahn noch zu erkennen. Die ehemaligen Bewohner schienen auch kleine Äcker bewirtschaftet zu haben. Das war der Platz, wo 1758 die Herrnhuter Gemeinde mit Erlaubnis des dänischen Königs Frederik 5. eine Missionsstation erbaute. Die Station entstand inmitten eines stark besiedelten Inuit-Wohnplatzes. Ein Teil des ehemaligen Missionsgebäudes steht noch heute im Nachbarort Fiskenæset (Qeqertarsuatsiaat), der andere Teil ist durch einen Brand verloren gegangen. Zwischen den 1950er und 60er Jahren wurden auch die Leute dieses Ortes nach Qeqertarsuatsiaat umgesiedelt.
Wir wanderten an der kleinen Bucht den ehemaligen, gepflasterten Weg entlang. Nach einem kurzen Halt am alten Friedhof wanderten wir ein Tälchen bergan. Auf den umliegenden Bergen lockten Steinmänner zu größeren Höhen. Rosablühende Alpenazaleen, purpurroter Steinbrech und stengelloses Leimkraut säumten unseren Weg nach oben. Als wir die Gipfel und Aussicht genossen, überraschten uns zwei junge, neugierige Seeadler, in dem sie über uns ihre Kreise zogen.
Am Nachmittag booteten wir bei der Siedlung Fiskenæset (Qeqertarsuatsiaat) aus. Wir besichtigten staunend das überaus saubere und gepflegte 300-Seelen Dorf. Die Leute hier leben vorrangig von Fischfang und Rentierjagd. Sie verdienen sich aber auch ihr Geld mit Kunsthandwerk und Edelsteinen.
Bevor wir aus dem geschützten Fjord herauskamen, gab es wieder ein leckeres Mittagessen und gleich im Anschluss gab Elke uns noch eine Einführung zu Gletschern und gletschergeformter Landschaft.

Mittwoch, 28. Juno 2017 ‒ Kvannefjord: Nigerdlikasik Gletscher & Sermilik Avangnardleg, leicht bewölkt, windstill, 15°C
Position 7:30 Uhr: 61°59'N, 49°12'W
Tiere: Mantelmöwe, Polarmöwe, Dreizehenmöwe, Kriebelmücken
Endlich wieder eine ruhige Nacht hinter uns! Bei Sonnenschein und glatter See wachten wir zwischen fast 1000 Meter hohen Bergen im malerischen Kvannefjord auf. Den Morgen verbrachten wir im südlichen Zipfel des Nigerdlikasik Fjord. Ein malerischer Gletscher bildete das Ende des Fjords. Bei prallem Sonnenschein stiegen wir auf poliertem Bändergneis-Boden an Land. Sofort wurden wir von hunderten von Kriebelmücken in Empfang genommen. Die Mückennetze waren in nur wenigen Sekunden auf unseren Häuptern und ab ging es über Schutt und Stein auf Tundrawanderung. Immer höher stapften wir durch dichte Vegetation den Berg hinauf. Die Sicht über den Fjord und den Gletscher war grandios. Wir entdeckten auch neue Pflanzenarten, die deutlich zeigten, dass wir nun in südlicheren Regionen unterwegs waren: Wachholder bedeckte die oberen Hangbereiche. Eine erste Eberesche duckte sich hinter einen Stein mit Aussicht nach Süden. Schneeenzian, Fettkraut und Thymian zierten mit ihren winzigen Blüten die alpine Heide. Ganze drei Stunden waren wir unterwegs. Ab und an krachte es im Eis. In der Ferne rauschten mehrere Wasserfälle mit Schmelzwasser vom Inlandeis die Hänge hinab; und die Sonne wärmte sommerlich.
Während des Mittagessens setzten wir in den nördlichen Fjordarm um. Dort war das Wasser mit zahlreichen Eisskulpturen bedeckt. Scheinbar dünne Wasserfälle rannen die bis zu 1000 Meter hohen Berge hinab und in der Ferne leuchtete ein weiterer Gletscher mit noch breiterer und aktiverer Front. Dort blieben wir und drifteten für einige Stunden. Wir saßen in der Lounge oder auf dem Außendeck und genossen die Aussicht für einige Stunden, so wie die zahlreichen jungen Mantel- und Polarmöwen auf den umliegenden Eisbergen. Sven und Elke überraschten uns vor dem Abendessen mit einem kleinen Umtrunk mit echtem Gletschereis auf dem Vorderdeck. Als wir gegen 19:00 Uhr losfahren wollten, verabschiedete sich der Gletscher von uns, indem er einen der hohen mittleren Türme mit lautem Salut ins Wasser rauschen ließ.

Donnerstag, 29. Juno 2017 ‒ Ivittuut, Nebel, windstill, 5°C
Position 7:30 Uhr: 61°08'N, 48°39'W
Tiere: Moschusochse, Gryllteiste, Eissturmvogel
Spät am Morgen erreichten wir die verlassene Bergbausiedlung Ivittuut. Der Nebel hatte sich so weit im Fjordinneren gehoben und es lagen nur noch Wolkenfetzen um die Spitzen der Berge. Seit 1857 förderten die Dänen hier das seltene Mineral Kryolith, was zur Schmelzpunkterniedrigung bei der Aluminiumherstellung gebraucht wurde. Dieses Mineral war so wertvoll, denn nur in Ivituutt gab es ein abbaubares Vorkommen, dass die Amerikaner im 2. Weltkrieg die Mine vor den Deutschen bewachten. 1987 wurde der Bergbau eingestellt. Wir gingen an einer wackeligen Leiter an Land. Als erstes stolperten wir über wunderschöne, rötlichbraune Steine, die fast alle zum Mitnehmen einluden. Doch dann gingen wir eine Runde um den verlassenen und mittlerweile wassergefüllten Tagebau. Schulterhohes Weidengebüsch säumte den Weg. Gelber und orangener Mohn brachten kleine Farbkleckse ins Grüngrau der Landschaft. Dann entdeckten wir sie: Moschusochsen! Mitten im Ort war ein altes Weibchen unterwegs. Kurz vor dem letzten verlassenen Haus hatte sich eine Familie mit zwei Jungtieren an den Weidenbüschen gelabt, bis Sabine und Sven sie erschreckten. Beide Parteien liefen erschrocken in entgegengesetzter Richtung davon, bis sie bemerkten, dass man sich auch gegenseitig beobachten kann. Zu diesem Zeitpunkt stießen auch wir anderen dazu und bekamen einen herrlichen Eindruck von diesen starken Tieren.
Den Nachmittag ruhten wir uns bei leichtem Geschaukel aus, so dass wir nach dem Abendessen fit waren für das Bordkino. Der Film des Tages hieß Palos Hochzeit. Das Resultat der 7. Thuleexpedition des großen grönländisch-dänischen Polarforschers Knud Rasmussen, der die Fertigstellung des Filmes leider nicht mehr erlebt hat. Schöne, humorvolle Szenen aus dem Alltag der Inuit der Ostküste brachten uns das ursprüngliche Leben in diesem Teil der Welt näher.

Freitag, 30. Juno 2017 ‒ Hvalsey & Narsaq, tiefhängende Wolken, windstill, 5°C
Position 5:45 Uhr: 60°49'N, 45°45'W
Tiere: Raben, Spornammer, Steinschmätzer, Robben
Auwei, halb 6 aus den Federn! Das war nicht leicht heute. Noch dazu tiefhängende Wolken. Als wir dann allerdings an Land kamen, eröffnete sich uns ein kleines Paradies. Gelbe, weiße und rosa Blumenteppiche waren vor uns ausgebreitet und führten uns zu den Ruinen der Gefolgsleute von Thorkel Farserk, der hier um 985 ankam. Die Größe der Höfe lässt auf deren damaligen Reichtum schließen. Die Kirche wurde um 1300 aus Granit errichtet. Zum Kirchspiel gehörten etwa 30 kleinere Höfe. Den letzten Nachweis der Siedlung kennt man aus einer Hochtzeitseintragung von 1408.
Heute saßen die Raben Hugin und Munin auf den Felsen vor der ehemaligen Wikingersiedlung und riefen uns einen lauten Willkommensgruß zu. Generell waren die Vögel hier eher zutraulich. Steinschmätzer fütterten vor unseren Augen ihren Nachwuchs und Spornammern sammelten trällernd Samen und Knospen. Die Stille war fast vollständig und wir konnten jede Minute an diesem magischen Ort genießen.
Am Vormittag erzählte Elke uns mehr über Pflanzen und deren Anpassungen. Spannend zu hören, dass auch Pflanzen Winterschlaf halten und tiefste Temperaturen tolerieren können. Hinterher konnten wir unsere Blümchenfotos dann bestimmen. Mittlerweile passierten wir mehr und mehr Eisberge in den Fjorden. Am Nachmittag, als es vor Eisbergen nur so wimmelte, erreichten wir Narsaq.
Narsaq bedeutet auf grönländisch „Ebene”. Kurz vor dem Jahr 1000 wurde hier die „Landnahme-Siedlung der Wikinger gegründet. 1830 wurde der Ort als Handelsstation, ein Außenposten von Julianehåb (Qaqortoq) angelegt. Heute wohnen hier mehr als 1500 Menschen, die hauptsächlich von Fischfang, Schafzucht und Tourismus leben.
Wir legten im Hafen an, und konnten so ein wenig für uns selbst die Kleinstadt erforschen. Das eigentliche Zentrum lag hinter einem Hügel. Schule, Kirche und ein großer Einkaufsladen, wo es alles von Kühlschrank über Wurst bis zum Jagdgewehr zu kaufen gab, lagen in unmittelbarer Nähe zueinander. Ringsherum lagen die typisch bunten Häuschen der Einwohner.
Als wir zurück zum Schiff kamen, standen immer noch zahlreiche Kinder mit ihren Angeln am Pier. Einige hatten Dorsche gefangen und trugen sie stolz nach Hause. Einige von uns ließen sich vom Angelfieber anstecken und sobald wir mit dem Schiff vor dem Ort, zwischen den Eisbergen vor Anker lagen, wurde Angelgerät fertiggemacht und fleißig probiert. Leider war der Erfolg nicht ganz so groß, da war es umso besser, dass die Küche für uns ein BBQ auf dem Außendeck vorbereitet hatte. So konnten wir uns wieder einmal den Bauch vollschlagen und gleichzeitig den Eisberggefüllten Fjord im Abendsonnenlicht genießen. Als Überraschung bekamen wir gekühltes, lokal gebrautes Bier serviert. Zweimal trieb ein Berg auf uns zu und rammte uns. Der zweite war so groß wie unser Schiff und wollte unsere Ankerkette übernehmen. Die Mannschaft konnte dagegenhalten und um nicht wieder mit einem Eiskoloss kämpfen zu müssen, fuhren wir zurück in den Hafen. Hier genossen wir in aller Ruhe einen Reiserückblick in Bildern, den Sven für uns vorbereitet hatte und ließen in gemütlich-gemeinsamer Runde den Abend ausklingen.

Samstag, 01. Juli 2017 ‒ Brattahlid & Narsarsuaq, leicht bewölkt, leichte Brise, 10°C
Position 7:30 Uhr: 61°00'N, 45°34'W
Tiere: Schafe, Steinschmätzer, Seeadler und einige Mücken
Narsarsuaq bedeutet „große Ebene”. Während des Frühstücks legten wir hier im Hafen an. Unsere Taschen waren alle gepackt und wir bereiteten nur noch ein paar Mitnahmebrote für uns vor. Punkt neun gingen wir für einen Bonusausflug von Bord und fuhren in zwei Schlauchbooten über den Fjord nach Brattahlid (Qassiarsuk), der einstigen Siedlung von Erik dem Roten, der 982 als geächteter Mann mit Gefolgsleuten Island verließ und sich nach langer Reise in dieser klimatisch günstigen Region Grönlands niederließ. Von hier aus unternahm er Erkundungsfahrten bis zur Diskobucht. Später fuhr er zurück nach Island, überzeugte weitere Leute und fuhr mit ihnen nach „Grünland”. 14 von 25 Schiffen erreichten ihr Ziel und die Neuankömmlinge gründeten die Ostsiedlung. In den folgenden Jahren kamen weitere Neusiedler und es entstanden die Westsiedlung bei Nuuk und die Mittelsiedlung bei Ivittuut. Man nimmt an, dass insgesamt 5000 bis 6000 Wikinger nach Grönland gekommen waren.
Die Ostsiedlung umfasste ehemals 192 Höfe. Brattahlid war einer der bedeutendsten, mit Versammlungshalle, Vorratshäusern, Schmiede und Ställen, die Platz für etwa 50 Kühe boten. Später, als das Klima kühler wurde und die Wiesen überweidet waren, ging man über zu Schafzucht und Robbenjagd. Das Christentum brachten die Siedler möglicherweise von Anfang an mit, oder Leif Eriksson, der Sohn Eriks des Roten, führte diese Religion hier ein. Anfänglich bestand guter Handelsverkehr mit Norwegen. Später schlief dieser vermutlich ein und auch das Klima verschlechterte sich. Zusätzlich gab es Konflikte mit den Inuit. Noch vor 1350 war die Ostsiedlung vermutlich verlassen.
Wir wanderten bei schönstem Wetter die Straße der heutigen Siedlung entlang. Heute gibt es hier sowohl eine grönländisch geführte Jugendherberge, als auch ein dänisch geführtes Hostel. Der lokale Farmer betreibt Schafszucht und hat ein kleines Museum aufgebaut. Die Statue von Leif Eriksson wacht hoch oben auf einem Fels über den Ort. Die Wiesen ringsum leuchteten gelb von Löwenzahn und Butterblumen. Am Ende des Ortes fanden wir die Ruinen der ursprünglichen Siedlung, die um 1930 ausgegraben wurde. Kirchlein und Versammlungshaus waren liebevoll rekonstruiert. Zwei Seeadler kreisten hoch oben über dem Ort und weiße Eisberge glänzten schimmernd weiß auf dem türkisfarbenen Fjord. Wir ließen uns unser Picknick inmitten von Glockenblumen, Fingerkraut und Löwenzahn schmecken. In aller Ruhe konnten wir hier von Grönland Abschied nehmen.
Auf dem Weg zurück nach Narsarsuaq machten wir noch einen kleinen Umweg zu einer Gruppe Eisberge, die direkt vor dem Beginn der Landebahn lagen. Schmelzwasser tropfte beständig an den bizarren Kanten herab. Und wir nahmen die Gelegenheit war, unsere Eisbergfotosammlung zu vervollständigen. Dann war es Zeit, die Boote dem Schiff zurück zu geben und in den Minibus einzusteigen, der uns zum Flughafen brachte. Netterweise konnten wir schon einchecken. So hatten wir genug Zeit, die letzten grönländischen Sonnenstahlen und vereinzelte Mücken in guter Gesellschaft im Biergarten des lokalen Cafés zu genießen. Grönland verabschiedete sich mit einem grandiosen Blick über Gletscher, Fjorde und Inlandeis, bevor wir auf das Grauwolkengebiet von Island zusteuerten.
www.polar-kreuzfahrten.de - www.polar-kreuzfahrten.de/groenland-reisen.html

17608 Tag 2 Diskobucht Foto Sven NiederNiemals langweilig: In der Diskobucht lockt ein nicht endender Vorrat aus bizarren Eisskulpturen – groß wie ein Mehrfamilienhaus oder klein wie eine Garage. Foto: Sven Nieder

17608 Tag 2 Isfjord Foto Sabine SchmidbaurDer Ilulissat-Eisfjord (grönländisch: Kangia) ist durch die starke Aktivität des Gletschers Sermeq Kujalleq fast vollständig mit Eisbergen gefüllt und
steht seit 2004 auf der UNESCO-Welterbeliste.
Foto: Sabine Schmidbaur

17608 Tag 2 Isfjord 2 Foto Sabine SchmidbaurAn einem sonnigen Tag erreichen die Temperaturen in Ilulissat durchaus mal die 20° Marke. So kommt man in den Genuss dieser außergewöhnlichen Pause mit grandioser Aussicht. Foto: Sabine Schmidbaur

17608 Tag 4 Ankunft in Nuuk Foto Elke LindnerNuuk ist mit gut 17.000 Einwohnern eine der kleinsten Landeshauptstädte weltweit. In der Universitätsstadt gelingt den Inuit allmählich die
Kombination von Tradition und Moderne.
Foto: Elke Lindner

17608 Tag 4 Landgang in Kangeq Foto Elke LindnerEin arktischer Wald in voller Blüte. Die oberirdischen Triebe der Netzweide erreichen eine Größe von gerade einmal einem bis fünf Zentimetern.
Foto: Elke Lindner 17608 Tag 4 Landgang in Kangeq Foto Sven NiederIn den 1960er Jahren wurde die Siedlung Kangeq verlassen, da in der nahe gelegenen Hauptstadt Nuuk Arbeitskräfte fehlten. Noch heute nutzen
einige Jäger den Ort als Sommerquartier, da die Gegend als wildreich gilt.
Foto: Sven Nieder

17608 Tag 5 Nuuk Foto Sven NiederImmer mehr Grönländer zieht es in die Hauptstadt. Die funktionelle Bauweise der 1960er und 1970er Jahre überragt die typischen bunten Holzhäuser.
Die Statue der Mutter des Meeres liegt direkt zu Füßen der Erlöserkirche von 1849.
Foto: Sven Nieder17608 Tag 6 Akunaat Foto Sven Nieder Gummistiefel sind ein wichtiger Bestandteil der Expeditionsausrüstung. Landgänge in der grönländischen Tundra führen sonst leicht zu nassen
Füßen – hier bei der ehemaligen Siedlung Akunaat.
Foto: Sven Nieder

17608 Tag 6 Fiskenaeset Foto Sven NiederDer Besuch in der kleinen grönländischen Siedlung Fiskenæsset (etwa 300 Einwohner) beschert den Expeditionsteilnemer(inne)n viele neue
Fotomotive.
Foto: Sven Nieder

17608 Tag 6 Fiskenaeset 2 Foto Sven NiederDie MS CAPE RACE liegt in den geschützten Gewässern vor Fiskenæsset (Qeqertarsuatsiaat). Steinmännchen wurden mitunter schon vor hunderten
von Jahren als Orientierungspunkte errichtet.
Foto: Sven Nieder

17608 Tag 7 Kvannefjord morgens 2 Foto Sven NiederBei einem Landgang erkundet die Gruppe den Avangnardleq Gletscher. Foto: Sven Nieder

17608 Tag 7 Kvannefjord abends Foto Elke LindnerDie Gletscherfront des Nigerdlikasik Gletschers liegt beeindruckend vor dem Bug der MS CAPE RACE. Das Vordeck ist ein optimaler Aussichtspunkt.
Foto: Elke Lindner

17608 Tag 8 Ivittuut Foto Sabine SchmidbaurEine kleine Herde Moschusochsen hat das Gelände der verlassenen Siedlung Ivittuut für sich entdeckt. Nach anfänglicher Überraschung (beidseitig) beobachtet man sich gegenseitig aus sicherer Entfernung. Foto: Sabine Schmidbaur

17608 Tag 8 Ivittuut 2 Foto Elke LindnerAuf 61°12’ nördlicher Breite liegt die ehemalige Bergbau-Siedlung Ivittuut. Hier verstecken sich die verlassenen Gebäude der ehemaligen Kryolith-Mine zum Teil schon wieder hinter „echten” Bäumen. Foto: Elke Lindner

17608 Tag 9 Eisberg Foto Elke LindnerStändige Begleiter: Die farben- und formenprächtigen Eisberge begegnen Ihnen während der gesamten Reise immer wieder. Foto: Elke Lindner

17608 Tag 9 Kirche Brattahlid Foto Elke LindnerEric der Rote ließ der Überlieferung nach auf Wunsch seiner Ehefrau die erste christliche Kirche Grönlands um das Jahr 1.000 erbauen. In der Nähe
der originalen Ruinen findet sich heute in Brattahli∂ (Qassiarsuk) ein liebevoll gestalteter Nachbau.
Foto: Elke Lindner

17608 Tag 9 Abschied CAPE RACE im Hafen von Narsarsuaq Foto Elke LindnerDie CAPE RACE liegt im Hafen von Narsarsuaq. Ein letzter Blick aus dem Flugzeug, dann heißt es endgültig Abschied nehmen. Foto: Elke Lindner

17608 Tag 9 Narsaq Foto Elke Lindner

Die Bevölkerung von Narsaq, einer der größten Siedlungen im Süden Grönlands (etwa 1.500 Einwohner), lebt zu einem großen Teil vom
Fischfang und der Fischverarbeitung.
Foto: Elke Lindner

17608 Groenland Beispiel Routenkarte 2 Polar Kreuzfahrten

Beispiel-Routenkarte dieser Reise. Karte: Polar Kreuzfahrten, Neustadt

 

17608 Tag 9 Narsaq 2 Foto Elke LindnerKlein ist der Mensch im Vergleich zur weiten, großartigen Landschaft Grönlands. Eine Reise in seine einzigartige Natur mit zahlreichen außergewöhnlichen Begegnungen berührt Jeden. Foto: Elke Lindner

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