FAEHRREISE 14

17514 18 Polonia Swinoujscie16 2008 OrtelDie POLONIA verlässt Swinoujscie für ihre täglich wiederkehrende Tagesfahrt nach Ystad. Fotos: Kai Ortel, Berlin


Kai Ortel

Nachtfähre POLONIA – Mit Unity Line über die Ostsee

Von Schweden nach Deutschland mit der Fähre? Da fallen einem zuerst die Häfen Travemünde und Kiel ein bzw. Rostock und Sassnitz, wenn es in den Osten Deutschlands gehen soll. Nicht so jedoch, wenn man ohne Auto unterwegs ist, dann ist nämlich das ehemalige Swinemünde an der deutsch-polnischen Grenze die erste Wahl. Von hier aus fährt die polnische POLONIA ins schwedische Ystad.
Der Vorteil von Fährlinien, die es bereits zu Großvaters Zeiten gegeben hat, ist der, dass die Schiffsanleger damals noch direkt an die Endpunkte von Bahnlinien gebaut wurden. Das gilt für Hoek van Holland und Harwich, für Helsingør und Helsingborg ebenfalls, und es gilt noch immer für Swinoujscie und Ystad, wo bis heute Güterzüge mit der Fähre befördert werden. Für den nicht motorisierten Reisenden hat dies den Vorteil kurzer Wege zwischen Bahn und Schiff und von auf die Fähren abgestimmten Bahn-Fahrplänen. Das Reisen mit Kind und Kegel, aber ohne Auto ist also verhältnismäßig stressfrei.
Den Fährverkehr zwischen Swinoujscie und dem südschwedischen Ystad hält neben Polferries die Reederei Unity Line aufrecht, eine Tochter der staatlichen polnischen Schifffahrtsgesellschaft PZM (Polska Zegluga Morska). Gegründet 1995, feierte die noch einigermaßen junge Reederei 2015 ihr 20jähriges Jubiläum, doch in die nationalen Schlagzeilen kam sie zuletzt aus ganz anderen Gründen. Unter dem Dach der neu zu gründenden PGP (Polska Grupa Promowa) soll die Unity Line nämlich mit ihrem ebenfalls staatlichen Konkurrenten fusionieren und sodann rasch eine Flottenerneuerung in Angriff nehmen.
So ganz „up to date” ist der Fährbetrieb nämlich nicht mehr, weder bei Polferries noch bei Unity Line. Die Polferries-Fähren WAWEL und BALTIVIA sind stolze 37 bzw. 36 Jahre alt und deren Neuankauf MAZOWIA, eine umgebaute Mittelmeer-Frachtfähre, 21 Jahre. Die Unity-Liner SKANIA (eine ehemalige Superfast-Fähre) und POLONIA sind beide Baujahr 1995, doch nach Auto- und Passagierfähren dieser Bauart und Größe verlangt der Markt inzwischen längst nicht mehr. Große RoPax-Fähren sollen nun her, angetrieben durch Flüssiggas (LNG), doch vor 2019 ist mit diesen wohl nicht zu rechnen. Vorerst bleibt also noch alles beim Alten in Swinoujscie und Ystad.
Auf schwedischer Seite nehmen wir, der Autor und dessen Söhne, an einem Augustabend die Nachtfahrt der POLONIA nach Swinoujscie. Wir sind gerade aus Bornholm in Ystad angekommen, doch das Umsteigen von der einen auf die andere Fähre ist ein Kinderspiel. Ein paar hundert Meter am Bahnzaun entlang (einen Schönheitspreis wird der Hafen von Ystad nie gewinnen), und schon geht’s ins Terminal der Unity Line. Doch wer hier nun skandinavischen Chic erwartet hatte, wird enttäuscht. Das Gebäude strahlt den Charme eines Ostblock-Bahnhofs aus den 70er Jahren aus, und aus genau dieser Zeit entstammt es vermutlich auch noch. Für die Wartezeit bis zur Einschiffung stehen harte Holzbänke zur Verfügung, und statt Sonnenuntergang hinterm Panoramafenster gibt es hier flackerndes Neonlicht von der Decke. W-LAN, Fernseher, Magazine – alles Fehlanzeige. Einen kleinen Prospektständer gibt es, und er enthält sogar einen Decksplan des Schiffes, leider nur desjenigen der (Noch-)Konkurrenz. Auch die rustikale Art, in der die Dame in Uniform um 21:30 Uhr nach den Reisepässen verlangt, hat mit dem Flair einer Mini-Kreuzfahrt à la COLOR FANTASY nichts zu tun. Hier wird noch ganz klassisch „abgefertigt”.
Immerhin: Wir kommen eine Stunde vor der Abfahrt des Schiffes an Bord der POLONIA, da kann es einem als Fußpassagier in Rostock oder Trelleborg schon mal ganz anders ergehen. Im Gegensatz zu den deutschen und schwedischen Fähren herrscht allerdings auf den polnischen nachts keine Kabinenpflicht. Sobald das Boarding beginnt, machen es sich also junge Familien, rucksackreisende Pärchen und rüstige Senioren auf ihren Isomatten und in ihren Schlafsäcken gemütlich, um die Nacht in den Korridoren und Treppenhäusern zu verbringen – ein Anblick, den man in Europa sonst nur aus der Adria und der Ägäis kennt.
Der Autor dieser Zeilen hingegen kommt in dieser Nacht in den Genuss einer Kabine, wobei Genuss relativ ist. Die Kabinenkorridore sind das reinste Labyrinth, und die gebuchte Innenkabine (Nr. 369 auf Deck 6) ist klein und eng, jedenfalls bei Belegung durch drei von maximal vier Personen. Eine Steckdose gibt es nicht, einen Fön ebenso wenig und einen Fernseher schon gar nicht. 56% aller Kabinen an Bord sind übrigens Innenkabinen, auf der POLONIA geht es also tatsächlich in erster Linie um Beförderung, nicht um Kurzreisen mit Meerblick. Trotzdem: Das Schiff war schon bei seiner Indienststellung 1995 nicht gerade topmodern, so langsam wäre es also tatsächlich an der Zeit, mit der lange geplanten Flottenerneuerung im Hause Unity Line zu beginnen.
Unterdessen füllt sich das Schiff, kein Wunder an einem Freitagabend im Hochsommer. Im Self Service Café herrscht Hochbetrieb, und eines muss man der Reederei hier lassen: Auf die überwiegend osteuropäische Kundschaft ist das Angebot perfekt zugeschnitten. Die zur Auswahl stehenden Speisen sind deftig, die Menüs fleisch-lastig und die Portionen opulent. Satt wird man hier also auf jeden Fall, und auch erschwinglich sind die Gerichte. Die Käse-Kroketten mit Pommes Frites gibt es für 19 Zloty (etwa 4,50 €), und sie sind, wie von dem netten Herrn hinter der Theke in solidem Englisch vorhergesagt, „very tasty”.
Trotz der Nähe Swinoujscies zu Usedom und trotz des schwedischen Abfahrtshafens ist die POLONIA an diesem Abend, zumindest den Stimmen nach zu urteilen, übrigens fest in polnischer Hand. Und die meisten Passagiere scheinen Stammgäste zu sein, sie kennen „ihr” Schiff. Man scherzt mit der Besatzung, und als die POLONIA um 22:30 Uhr in Richtung Swinoujscie ablegt, ist der Nachtclub im vorderen Teil der Fähre bis auf den letzten Platz besetzt. „Here you will have a good time till the bright morning”, verspricht die Reederei, und zumindest bis Mitternacht geht es hier bei Live-Musik und dem einen oder anderen alkoholischen Getränk von der Bar tatsächlich hoch her. Ein bisschen Partydampfer ist die POLONIA dann eben doch, zum Glück.
Wer sich zu dieser Zeit in seiner Kabine bettfertig macht, hat hingegen keine so richtig „good time”. Die Dusche spielt jedenfalls Temperatur-Roulette, d. h. die gewünschte Wärme kann sich beim Aufdrehen des Hahnes einstellen, das ist dann aber eher ein Glückstreffer. Wahrscheinlicher ist, dass man minutenlang unter einer entweder eiskalten oder brühend heißen Dusche steht und fluchend darauf wartet, dass sich die gewünschte Temperatur durch eine ebensolche Fügung des Glücks doch noch einstellen möge, meistens vergeblich. Frisch geduscht (oder auch nicht) kann man dann anschießend übrigens nicht einschlafen, weil die Lüftung in der Decke der Kabine fast genau so laut ist wie das sonore Vibrieren des Schiffes selber.
Am nächsten Morgen soll die POLONIA um 6:45 Uhr in Swinoujscie anlegen, also wird der Reisewecker auf 6:00 Uhr gestellt. Dieselbe Idee hatte aber auch die Reederei, und so bilden Wecker, Handy und Bordlautsprecher in aller Früh am nächsten Morgen eine Kakophonie, die ein Umdrehen im Bett selbst dann unmöglich macht, wenn man im Halbschlaf zumindest der Sirene des Weckers den Garaus machen kann. Dabei spricht die Weckdurchsage sonderbarerweise von einem Anlegen des Schiffes um 07:00 Uhr, also 15 Minuten nach der fahrplanmäßigen Ankunftszeit. Die Kabinen verlassen müssen aber trotzdem alle Passagiere schon um 06:30 Uhr, und das obwohl die POLONIA erst um 13:00 Uhr wieder für ihre Rückfahrt nach Schweden in Swinoujscie ablegt. Doch sicher ist sicher, also geht es um Punkt 6:30 Uhr an Deck, um das Einlaufen in den Hafen mitzuverfolgen. Doch oha – da ist das Schiff längst schon beim Anlegen. Den Leuchtturm auf der Mole, die Strände und Wälder Usedoms und Wollins, den Fährhafen – all das haben wir also leider schon verpasst. Überpünktlich ist die POLONIA stattdessen, genau wie es im Fahrplan steht. Und nicht nur sie. Auch die Damen der Schöpfung hatten an diesem frühen Sommermorgen an Bord offenbar schon reichlich Zeit. Jedenfalls sind die meisten von ihnen zu früher Stunde bereits perfekt geschminkt und gestylt, was man von der Mehrzahl ihrer Männer eher nicht sagen kann. Mit dicken Bäuchen, zweifelhaften Motto-T-Shirts und Dreitagebärten bilden sie einen herrlichen Kontrast zu ihren Auserwählten, während alle zusammen auf engstem Raum mit ihren Rollkoffern und Reisetaschen vor der Tür zum Landgang darauf warten, dass selbige endlich aufgeht. Was nicht lange dauert. Die POLONIA entlässt ihre menschliche Fracht in Swinoujscie streng nach Fahrplan ins Terminal, von wo aus es dann nur noch ein paar Schritte sind bis zum Bahnhof und damit zu den Zügen nach Szczecin und Berlin.
Eine Reise mit Unity Line mag schnörkellos sein und kaum vergleichbar mit Fahrten auf anderen, moderneren – und schickeren – Ostseefähren. Unkompliziert und praktisch ist sie aber allemal. Für uns wird es nicht das letzte Mal gewesen sein! www.unityline.de 

Technische Daten und Steckbrief MS POLONIA
Bauwerft: Langsten Slip & Båtbyggeri, Tomrefjord (Norwegen), 1995; Im Dienst: seit dem 31. Mai 1995; Flagge: Bahamas; Heimathafen: Nassau; Tonnage: 29.875 BRZ; Länge: 169,90 Meter; Breite: 28,00 Meter; Tiefgang: 6,20 Meter; Passagiere: 1.000; Betten: 586; Autos: 860; Leistung: 15.840 kW; Höchstgeschwindigkeit: 21 Knoten.

17514 01 Polonia Ystad06 2015 Kai OrtelDie POLONIA bei ihrer abendlichen Ankunft im Hafen von Ystad.

17514 03 Ystad02 2015 Kai OrtelIm Sommer wird der Hafen von Ystad regelmäßig von Segelschiffen besucht.

17514 04 Ystad09 2011 Kai OrtelDie Altstadt von Ystad ist bekannt für ihre malerischen Gassen mit bunten Häusern.

17514 06 Polonia Innenkabine02 2015 Kai Ortel

Kaum Kreuzfahrtambiente: Innenkabine an Bord der POLONIA.

17514 07 Polonia Kabinenkorridor01 2015 Kai Ortel

Die Kabinenkorridore strahlen typisches Fähren-Flair aus.

 17514 05 Polonia Ystad03 2008 OrtelDie POLONIA an ihrem Anleger in Ystad.

17514 10 Polonia Snack Bar 2008 OrtelAn der Polonia Snack Bar kann der kleine Hunger gestillt werden.

17514 11 Polonia Cafeteria01 2015 Kai OrtelIn der „Hyde Park”-Cafeteria sitzt und isst man mitunter wie auf dem buchstäblichen Präsentierteller.

17514 13 Polonia Bridge Pub02 2008 OrtelDas Bridge Pub im vorderen Teil des Schiffes ist der vielleicht gemütlichste Raum an Bord der POLONIA.

17514 14 Polonia Royal Restaurant01 2015 Kai OrtelWer gerne in edlem Ambiente speist, ist im Royal Restaurant am besten aufgehoben.

17514 15 Polonia Casa Italia 2008 OrtelEin abgetrennter Bereich des A la Carte-Restaurants dient als Spezialitätenrestaurant, mal als italienische „Casa”, mal als Steakhouse.

17514 16 Polonia Night Club01 2015 Kai OrtelIm Night Club kann man den Abend an Bord in geselliger Runde bei einem (polnischen) Bier ausklingen lassen.

17514 17 Polonia Heck und Galileusz Swinoujscie01 2015 Kai OrtelMorgendliche Ankunft der POLONIA in Swinoujscie. Am Nebenanleger gegenüber hat bereits die Frachtfähre GALILEUSZ festgemacht.

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