POLARSOMMER 5

17505 28072017 P1030713 PBEisberge aus der Nähe. Fischer wagen sich mit ihren Kuttern bei der Arbeit sehr nahe an die Eisgiganten, nicht aus Übermut, sondern nach stetiger Beobachtung. Manche dieser Giganten verweilen monatelang in der Diskobucht.


Dieter Bromund (Text) und Petra Bromund (Fotos)

Polarsommer: Hoher Norden, leuchtend helle Tage
Mit der MS ASTOR nach Grönland, Island und zu den Färöer

Wer kennt heute noch Prinz Christian? Er lebte von 1699 bis 1746 und regierte Dänemark ab 1730 als König Christian VI. Nach ihm, der die Kolonisierung und Christianisierung Grönlands förderte, ist ein Sund benannt. Der ist dort so unbedeutend, dass selbst der grönländische Schulatlas Kalaallit Nunaat ihm nur einen einzigen Eintrag widmet. Auf der Übersichtskarte von ganz Grönland auf Seite 22 ist der Prinz Christian Sund in winziger Schrift an der Südspitze des Landes zu finden. Er verbindet die östliche Irmingersee als Teil der Dänemarkstraße mit der Labradorsee im Westen und ist rund 100 Kilometer lang.
Wer den Sund benutzt, vermeidet die Umrundung der Südspitze der größten Insel der Welt, Grönlands Kap Farvel. Es ist selbst für erfahrene Seefahrer gefährlicher als Kap Horn an der Südspitze Südamerikas. Sergiy Strusevych, Kapitän der MS ASTOR, weiß warum. Zu Sturm, Strömung und Seen kommt in Grönland noch das Eis. Darum dürfen Schiffe mit mehr als 250 Personen an Bord neuerdings nur noch begleitet von erfahrenen Eispiloten grönländische Gewässer befahren.
Auf der Reise A 731 des Flaggschiffs von TransOcean waren gleich zwei Eispiloten in Island an Bord gekommen, die abwechselnd rund um die Uhr Dienst taten. Ihr Rat war am achten Tag der Reise plötzlich sehr wichtig.

Nach Norden in den Polarsommer
Die MS ASTOR hatte am Sonntag, dem 16. Juli 2017, pünktlich um 16.00 Uhr in Bremerhaven abgelegt. Die vorgeschriebene Seenotrettungsübung, in der jeder Gast sich mit seiner Schwimmweste an seinem Rettungsboot einzufinden hatte, erfolgte noch vor Abfahrt. Dies geschah in strömendem Regen, der die zahllosen Kameras dennoch nicht von ihrem Tun abhalten konnte. Das Abendessen im Waldorf Restaurant fand in zwei Sitzungen – um 18.00 und um 20.00 Uhr – statt. Zu Schiffsrundgängen wurde eingeladen, die Künstler an Bord präsentierten sich, die See war ruhig, die Bars mit open end geöffnet.
Wer sich für ein „all inclusive”-Getränkepaket entschieden hatte, das je nach Ausstattung zwischen 11 und 22 Euro pro Tag und Person kostete, konnte mit einem entsprechenden Punkt auf der Bordkarte namhafte Getränke und die Tischweine frei, Flaschenweine und Premium Spirituosen mit bis zu 50 Prozent Rabatt genießen. Und so begann der erste Abend einer Reise von 23 Tagen: „Faszination Arktischer Polarsommer – Grönland und Island intensiv”, die Färöer waren eingeschlossen.

… mit vielen Seetagen
Zwei reine Seetage als Start machten es auch Anfängern unter den 389 Gästen leicht, sich an die Planken zu gewöhnen, die mehr als drei Wochen die Welt bedeuten sollten. Island lag auf der Hinreise mit zwei Zielen im Osten und Nordosten an, mit Seydisfjördur und Akureyri.
Die Dänemarkstraße wurde auf dem Weg nach Tassilaq gequert, eine der wenigen Siedlungen an der Ostküste Grönlands. An die Westküste nach Ilulissat ging es durch den Prinz Christian Sund. Die Insel Ummannaq musste wegen einer amtlichen Warnung vor einem Landrutsch gestrichen werden, Qeqertarsuaq und Sisimiut lagen als nächstes an. Auf dem Weg zurück nach Süden gab es dreimal Ankern auf Reede: vor Kangerlussuaq, vor Nuuk – der Hauptstadt – und vor Nanortalik, ganz im Süden, als Abschied von Grönland.
Reykjavik, Islands Hauptstadt, folgte und als letztes dann Kollafjördur, nördlich von Thorshavn, der Hauptstadt der Färöer. Zwei weitere Seetage in südöstlicher, dann südlicher Richtung und Bremerhaven war am 8. August mittags erreicht. Turnaround und Abschied. Um 19 Uhr am gleichen Tag konnte die MS ASTOR Bremerhaven mit neuen Gästen wieder verlassen.

Vom Geist der Reise
Seetage bieten dem einen Möglichkeiten, loszulassen und das Landleben zu vergessen, für den anderen sind sie leidvoll, wenn die See ruppig ist, der Wind kalt und der Himmel nur Regen spendet. Da tröstet dann vier Mal die jeweils um eine Stunde länger werdende Nacht auf dem Weg in den Norden beim Gewinn westlicher Breite. Den Programmgestaltern der MS ASTOR gaben sie die Möglichkeiten zu zeigen, was sie draufhaben.
Das Abendprogramm in der Astor Lounge gestaltete das sechsköpfige Show Ensemble singend und tanzend zu Klängen der sehr mitreißenden jungen Astor Band. Für Musik im Captains Club, der zentralen Bar, waren Olivia und Gabriel, das „Lucky Duo”, zuständig. Zusammen mit Alexander sorgte Gabriel auch für Klassisches. Einzelne Mitglieder der Band traten als Solisten auf.
Guter Geist aller Künstler war Kreuzfahrtdirektor André Sultan-Sade. Er hatte auf der MS ASTOR eine Doppelfunktion, verantwortete, wie auf englischen und amerikanischen Schiffen üblich, das Unterhaltungsprogramm und trat dabei auch selber auf. Zusätzlich war er auch Ansprechpartner für die Belange der Gäste und machte Durchsagen, die ihnen Orientierung im Programm gaben.
Ulrich Leim, Urgestein an Bord, war als Concierge Helfer in manchen Nöten und Julia Heimann die souveräne Ausflugsleiterin, die alles möglich machen konnte. Maximilian Klassen, aus der Schule von Larry Jackson kommend, bewährte sich gelassen als Hoteldirektor. Und dann gab es die, die auf Kreuzfahrten „Lektoren” genannt werden.

Die Wissenden und Lehrenden
Auf dieser Reise gab es vier von ihnen, allesamt bekannte Akademiker, drei promovierte Herren und eine Dame, Naturwissenschaftler mit besonderer Neigung zu Land, See und deren Bewohnern. Wer eine Intensivreise in den arktischen Norden macht, ist kein üblicher Reisender. An historischen Immobilien war auf dieser Reise wenig zu besichtigen, umso mehr an Relikten aus der nahen Vergangenheit der Grönländer. Doch Land und See boten, kundig interpretiert, unendlich viel Staunenswertes und füllten jedes Mal die Astor Lounge, wenn der Vortrag eines Lektors auf dem Programm stand.
Dr. Ludger Feldmann, zuletzt Privatdozent an der TU Clausthal, nahm dem Kreuzfahrtdirektor einige Aufgaben ab, im Verweisen auf und dem Erklären von Phänomenen an Land, dem Hinweis auf Seezeichen, mit der Vorstellung von Zielen und Orten und der Durchführung von Ausflügen. Was zu Hause tagelanges Lesen in Vorbereitung eines Landausflugs gekostet hätte, wurde gründlich und präzise in 45 Minuten präsentiert und in kleinen Diskussionen und späteren Fragestunden weiter vertieft.
Eine überraschend hohe Zahl an Gästen führte bei den Vorträgen Tage- oder Notizbücher. Man wollte es genau wissen und festhalten. Wie etwa funktioniert die Salzdrüse eines Seevogels? Und wie lange können Vögel übers Wasser fliegen? Wie schlafen Wale, ohne zu ertrinken?

Island macht es uns sehr leicht
Drei Inseln, drei Länder, drei Kulturen. Island ist für den Mitteleuropäer am leichtesten anzunehmen. Manch germanische Sage hat hier ihren Ursprung, die Sagas waren den Älteren so bekannt wie es heute die isländischen Krimis den Jüngeren sind. Nirgendwo fanden wir so viele Bücher über ein Land wie hier, betörende Fotos aus jeder Jahreszeit. Stadtbilder wie im Festlandsnorden, geschäftige Häfen und wirbelnder Wettbewerb um Touristen, die Wale beobachten wollen.
Hochmoderne Architektur in Hafennähe, bestaunenswert das neue Konzertgebäude „Harpa”. Auch in Island folgt man also der Mode, große Musik nur noch in Bauten am Wasserrand zu genießen wie in Hamburg, Kopenhagen, Amsterdam oder Sydney. Auf der Hinfahrt erlebte man das eher ländliche, auf der Rückfahrt mit dem Stopp in der Hauptstadt das urbane Island. Einst ebenfalls zu Dänemark gehörend, hatte Island sich zum Ende des Zweiten Weltkriegs als unabhängig erklärt und war so von der Weltgemeinschaft anerkannt und akzeptiert worden. Man spürt Stolz und Selbstbewusstsein bei vielen Begegnungen.

Kaltes Wasser vor Grönland
Dänemarkstraße nennt die Karte den Teil des Nordatlantiks, der Island von Grönland trennt. Hier ist das Wetter schwer berechenbar. Unter der Ostküste Grönlands läuft ein Strom mit kaltem Wasser aus Nordosten, weiter draußen führt der Golfstrom auf seinem nördlichsten Ausläufer warmes Wasser mit. Auf einer früheren Reise mit der MS ASTOR fuhren wir 1700 Kilometer nur durch Dunst und Nebel von Island nach Spitzbergen.
Über Grönland liegt immer ein Hochdruckgebiet, um Island bilden sich häufig Tiefdruckgebiete. Das Ganze bildet die Wetterküche für Europa. Die Färöer spüren als erste, was auf uns zukommt. Auf den Schafsinseln kann jeden Tag alles an Wetter möglich sein, das berühmte „Kann-Sein-Wetter” kennt jeder Bewohner und Besucher.
Diesmal erlebten wir die Dänemarkstraße bei ruhiger, fast glatter See und sechs Grad Celsius. Die Polartaufe endete für die Täuflinge im warmen Wasser des Swimmingpools achtern auf Deck Sieben. Der erste Hafen in Grönland wurde im Regen erreicht. Amassalik steht auf den älteren, Tassilak auf den jüngeren Karten. Nach dem Tendern bewährten sich Regenschirme und dicke Anoraks bei diesem ersten Landgang.

Der Sund und seine Meister
„Nachmittags Durchfahrt” stand für den 23. Juli im Programm. Der Prinz Christian Sund ist für Kreuzfahrer ein Muss, entweder ostwärts oder westwärts fahrend. Den schmalen, von sehr hohen Bergen umgebenen Sund können am Eingang in der Irmingersee und am Ausgang in der Labradorsee Eisberge blockieren. Frei bleibt dann immer noch die Fahrt um Kap Farvel.
Aber wenn man in die 100 Kilometer lange Passage einläuft und sich während der Durchfahrt Eisberge im Ein- und Ausgang festsetzen, was dann? Kleinerem Eis, das innerhalb des Sundes aus kalbenden Gletschern bricht, kann man ausweichen, einer Blockade nicht.
Man beriet sich auf der Brücke, während sich Kamerabewehrte auf der Plattform über dem Bug auf Deck Neun oberhalb der Brücke sammelten – in eisigem Wind, in „katabatischem Wind”, wie Lektor Feldmann ihn nannte, dem Piteraq der Grönländer. Er entsteht auf dem grönländischen Inlandeis und stürzt fallend ostwärts mit Windgeschwindigkeiten bis fast 300 Stundenkilometer. Nach einigem Warten kam die Entscheidung. „Wir laufen ein”, ließ Kapitän Strusevych durchsagen und damit begann die Passage einer der faszinierendsten Wasserwege der Welt.
Die Wetterstation am östlichen Eingang, im Krieg von den Amerikanern eingerichtet, wird heute automatisch betrieben, Seezeichen an Land sind klein und selten. Die See blieb überraschend ruhig, nur der Wind zeigte seine ganze Kraft. Die MS ASTOR neigte sich immer mal zur Seite. Fotografen hatten also ihre liebe Not, auf schrägem Deck Halt zu finden und gerade Linien im Sucher.

Warten im Sturm
Und dann nahm der Wind weiter zu. Kapitän Strusevych, ein kühl urteilender Seemann, sprach später von 10 Windstärken, 24 Metern pro Sekunde. Die MS ASTOR legte sich stärker zur Seite, im Waldorf Restaurant purzelten die Weinkühler um, Flaschen rollten über den Teppich durch kühlende Eisbrocken. Weingläser wurden knapp gerettet, Teller behielten ihren Platz. Das Schiff drehte im Sund mehr als eine Stunde eine Warte-Schleife, weiterfahren oder umkehren? Noch lag die Einfahrt näher als der Ausgang! Beim Nachtisch der ersten Sitzung fiel die Entscheidung: „Wir fahren weiter nach Westen.”
Unbewegt von all dem erläuterte Ludger Feldmann Fels und Eis mit gewohnter Gründlichkeit. Über Lautsprecher von der Brücke her wies er auf Berge, die mehr als zwei Milliarden Jahre alt waren, erklärte Gletscher und stellte Aapillatoq vor, ein sehr einsames Dorf auf halber Strecke mit kaum 100 Einwohnern. Die leben von Jagd und Fischfang, ein Versorgungsschiff taucht ein-, zweimal im Jahr auf, Notfälle werden mit Hubschraubern gelöst.
Es ging weiter, auch über die zweite Tischzeit hinaus, bei härtestem Wind und heller Nacht. Gegen 22 Uhr war der Ausgang erreicht, nach einigem Warten wegen Eis im Sundausgang begann die freie Fahrt in der Labradorsee zu den Orten an der grönländischen Westküste.

Grönland erfindet sich gerade neu
Grönland zerrt seit langem an den Banden, die es an Dänemark fesseln und hat Ortsnamen geändert, wenn in ihnen zu viel Dänisches steckt: Das frühere Godthab heißt schon seit längerem Nuuk, Jacobshavn Illulissat und Holsteinsborg Sisimiut. Doch noch immer ist das Dänische eine der zwei Amtssprachen. Die Sprache der Inuit hat mit europäischen keinerlei Ähnlichkeit, vom Klang, von der Wortbildung und dem Weltverständnis her. Bis ins 18. Jahrhundert gab es keine schriftlichen grönländischen Aufzeichnungen. Dänen haben die Sprache fixiert und ihre Grammatik erklärt. Doch wir verstehen nichts. ‚Bitte nehmen Sie Platz’ heißt in der Sprache der Inuit: inginniaritsi. Und ‚am Hafen’: umiarsualivimmi.
Grönland ist liebenswert und doch ein sehr fremdes Land. Dem Besucher wird das klar, wenn er in einem Supermarkt Gewehre im Angebot sieht und sie – auch als Fremder – kaufen könnte, samt Munition. Man schießt sich sein Fleisch selber, eine Familie mit drei bis vier Kindern und einem Gespann Hunden braucht pro Tag etwa 20 Kilogramm. Hauptjagdwild sind Robben, von denen man alles außer der Milz und den Barthaaren essen oder anderweitig verwenden kann.
Familien und ganze Dörfer sind noch in der überschaubaren Vergangenheit verhungert, wenn es keine Robben gab. Rentiere und Moschusochsen waren viel zu selten. Heute versorgen Schiffe wie die der Royal Arctic Line oder Flugzeuge und Hubschrauber auch die abgelegenen Dörfer. Es gibt in allen Orten Supermärkte. Doch Straßen, die zwei Orte miteinander verbinden, sucht man in Grönland immer noch vergebens. Grönland ist heute mit seinen rund 58.000 Einwohnern ein autarker Staat innerhalb Dänemarks und hat zwei Abgeordnete im dänischen Parlament. Von Kopenhagen aus werden die Verteidigungs- und die Außenpolitik gesteuert.

Erwartungen an Wale, Eisberge und Vergangenes
In diesem Land braucht man Guides und Interpreten, ein Lob auf die Lektoren und die Reiseleitung. Was ist zu sehen? Viel Natur, noch mehr Geologie, Gletscher und Meer mit Eisbergen. Vor Ilulissat lag die MS ASTOR zwei Tage auf Reede zu Landausflügen und zu einem ganzen Tag, gefüllt mit vierstündigen Fahrten auf Fischkuttern und anderen Booten, um Eisberge in der Diskobucht und Wale zwischen ihnen zu beobachten. Vor allem aber, um sie zu fotografieren in blendendem Licht aus wolkenlosem Himmel.
Doch Wale verhalten sich nicht wie aus Film und Fernsehen erwartet. Sie springen nicht vor Freude aus dem Wasser, drehen sich in der Luft und tauchen mit wedelnder Schwanzflosse in die Tiefe zurück. Nur Aufnahmen von Blas, Atemsäulen, und kleinen Flossen auf schmalen Rücken der Finnwale waren die Ausbeute vieler Stunden.
Und eine ungeahnte Lichtqualität um die Eisberge herum. Im nördlichen Grönland geht die Sonne den Sommer über nicht unter. Nachts wird ihr Licht grauer, tagsüber ist es von überirdischer Helligkeit. Es bräunt und verbrennt die Haut, wenn man sich nicht schützt. Die Luft ist über dem Meer unglaublich rein, der Besucher meint zu schweben, fühlt sich frei und unbeschwert und führt das auch auf die jodreiche Meeresluft zurück.
Man wandert durch Dörfer wie Qeqertarsuaq oder Nanortalik und lernt ein Grönland fern von Besuchern kennen. Wer keine „Wanderung ins Tal der Winde” machen will, kann in Qeqertarsuaq Eisberge beobachten, die gewaltiger sind als Häuser und auf denen sich gleißendes Sonnenlicht bricht. Junge Hunde laufen frei herum, nördlich des Polarkreises dürfen sie das, südlich von ihm werden Schlittenhunde nicht mehr gehalten. Dort ist Schafsland.
Nanortalik weit im Süden hat sich irgendwann entschlossen, alte Geräte in alten Hütten und Häusern zu sammeln, und so entstand Grönlands größtes Freilichtmuseum, immer einen Nachmittag wert. Das also war das Leben hier vor 50 Jahren, der Arzt hatte immerhin schon Strom. Die Kirche stand offen, ein Chor lud zum Mitsingen ein. Was für ein Abschied von Kalaallit Nunaat, wie die Inuit ihr Land nennen.

Färöer: verschlossen in offener Landschaft
Die Färöer, die Schafsinseln, scheinen Stiefkind bei Nordlandreisen zu sein. Manche Gesellschaften fahren sie nicht mehr an, weil die Färinger im Jahr etwa 200 kleinere Wale töten, deren Gattung nicht vom Aussterben bedroht ist. Über Sinn oder Unsinn solchen Abschlachtens wurde auch an Bord diskutiert mit dem üblichen Ergebnis: man war eher gegen das Töten von Walen auf den Färöer, hatte aber nichts gegen Treibjagden auf Schwarzwild in Deutschland.
Doch diese Einstellung hielt nur wenige ab, an einem Sonntagvormittag die Hauptstadt Thorshavn auf der größten Insel Streymoy zu besuchen. Wir kannten sie von früheren Aufenthalten. Und fanden uns wieder angezogen vom ungebrochenen Licht über diesen Inseln und ihrem Meer. Die Sonne ging strahlend auf beim Einlaufen in Kollarfjørđur, eben nördlich der Hauptstadt.
Nach Grönland war hier alles Grün. Und in den gewaltigen Tälern der Färöer liegen Gehöfte wie einsame Felsbrocken, nur auf schmalen Wegen erreichbar. Blitzsaubere Dörfer, eine lockende Altstadt am Hafen – doch am Sonntag blieb alles geschlossen. Kein Laden wartete auf Besucher, kein Kiosk hatte geöffnet.
Auch die Färöer sind mit Dänemark verbunden, zerren aber auch an der Bindung. Der EU sind die Schafsinseln nie beigetreten, weil sie auf ihrem Seegebiet keine Fremden dulden wollten. Ehe der Fisch die Einkünfte der Insulaner bestimmte, lebten sie von Schafen und Wolle. Handgestrickte Socken, so Heri, der Guide, dienten generationenlang als Währung, mit der man seine Einkäufe bezahlte.
Im Zweiten Weltkrieg waren die zum besetzten Dänemark gehörenden Inseln von schottischen Truppen besetzt. Färingische Männer versorgten im Krieg die Inselbewohner, Schottland und England weiter mit Fisch. Auf den Inseln pflegt man eine eigene nordische Sprache und eine eigenständige Kultur und nimmt Gäste gern wahr, verbiegt sich aber ihretwegen nicht. Die MS ASTOR verließ die Inseln nach fünf Stunden.

Service liebevoll und makellos
Warum fühlten wir uns so wohl an Bord? Wir waren mit den Gegebenheiten vertraut, und sahen, wie das auch Neulingen gelang. Es bildeten sich schnell Gruppen, die in der Lounge und vor und in den Bars ihre Tische hatten. Eine feste Tischordnung beim Abendessen im Waldorf Restaurant gab das Ihre dazu.
Noch mehr als diese sich locker einspielende Ordnung waren es die 287 Männer und Frauen der Mannschaft aus 22 Nationen. Wir sahen nur den Teil von ihnen, der in Bars, Restaurants, im Kabinenservice und beim Tendern mit den Booten arbeitete.
Sehr schnell fanden „unsere” Stewards heraus, was uns an Speisen gefiel, dass wir zur Vorspeise Weißwein, zum Hauptgang einen Roten, zum Kaffee laktosefreie Milch begrüßten: Tojo, Kumar und Sükrü waren nicht zu übertreffen. Sie sind bis zu neun Monaten im Jahr unterwegs, fern von ihren Familien. Und schlossen uns in ihr Herz. Und wir sie in unseres. Vielen Dank! · www.transocean.de

17505 18072017 P1090362 PBIm Dunst tauchte an Backbord Fugloy auf, die östlichste Insel der Färöer, eine steile Kliffkante unter einer dichten Dunstkappe. Die MS ASTOR
passierte sie auf dem Weg nach Norden in sicherer Distanz.

17505 18072017 P1030230 PBWo sind wir jetzt? Auf Kanal 3 des bordeigenen Fernsehens zeigt in jeder Kabine eine Karte die Position der MS ASTOR. Daneben stehen die
Koordinaten und der gesteuerte Kurs. Die Anzeigen werden ständig aktualisiert.

17505 19072017 P1030310 PBGunnar Gunnarson (1889 – 1975), einer der berühmten Autoren Islands, blickt auf sein Haus in Seydisfjördur, dass ihm der deutsche Architekt
Fritz Höger erstellte, Baumeister u.a. des Chilehauses in Hamburg. Gunnarsons Geschichte „Advent im Hochgebirge” wurde seit 1936 allein
vom Reclam Verlag über 500.000 Mal in Deutschland verkauft.

17505 19072017 P1090376 PBSeydisfjördur wurde 1848 als Handelszentrum gegründet und verdankt seinen Reichtum dem Heringsboom. Die meisten der hübschen Häuser wurden
von norwegischen Kaufleuten mit Bausätzen aus Norwegen gebaut. In der Stadt, deren Name „Fjord der Feuerstelle” bedeutet, leben heute viele Künstler und Kunsthandwerker.

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MS ASTOR im Hafen von Akureyri, nur einen Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt. Mit 18.000 Einwohnern ist sie die größte Stadt in Islands Norden. Sie wurde 1602 als Handelsposten der Dänen gegründet, die einen Hochseehafen mit genügend Tiefe suchten.

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1940 wurde diese Kirche gebaut, ihre heutige Orgel kommt aus Oettingen in Bayern. Wer die vielen Stufen in die Kirche zurückgelegt hat, kann ein Kirchenfenster bewundern, das 400 Jahre alt ist und aus der Kathedrale der englischen Stadt Coventry stammt. Andere Fenster zeigen Szenen aus der isländischen Kirchengeschichte.

17505 22072017 P1090739 PBNach Querung der Dänemarkstraße wurde Tasiilaq an der Ostküste Grönlands erreicht, deren Name „wie ein ruhiger See” bedeutet. Die Stadt liegt im Süden der Insel Ammassalik, am Ende eines gut acht Kilometer langen Fjords. Die MS ASTOR ankerte auf Reede, Tenderboote setzten Besucher über. Erste kleine Eisberge wurden bewundert, es regnete.

17505 23072017 P1090974 PBBildet das Eis aus dem Nordosten eine Barriere? Vor der Einfahrt in den Prinz Christian Sund muss auch die Ausfahrt auf der anderen Seite bedacht werden. Sie könnte durch Eisberge blockiert sein, die über die Davis Straße aus dem hohen Norden herabdriften.

17505 23072017 P1090982 PBWovon leben die Menschen in einem der einsamsten Dörfer im südlichen Grönland? Von der Jagd auf dem Meer und in der rauen See.
In Appillattoq leben rund 100 Inuit.

17505 23072017 P1090995 PBDer Sund friert im Winter nicht zu, Schiffe könnten die Einwohner also das ganze Jahr über versorgen.
Zweimal im Jahr tun sie das auch.

17505 23072017 P1030512 PBUnd plötzlich wurde aus dem Starkwind Sturm, und die MS ASTOR neigte sich unter seiner Wucht. Das Deck leerte sich schnell. Von der Brücke kam
eine Warnung, offene Flächen auf dem Schiff zu meiden. Wie würde sich das Wetter entwickeln?

17505 23072017 P1090865 PBAuch wenn die Sonne nicht untergeht, färbt sie den Himmel atemberaubend schön. Doch Rot und Gelb und Rosa verschwinden wieder, um der Nacht
mit ihrem hellen Grau Platz zu machen.

17505 26072017 P1030575 PBDa liegt er, gewaltig und glänzend im Licht der Sonne: Eisberge bestehen aus Süßwasser. Sie brechen an der Kante des Festlandes von Gletschern ab und treiben davon. Häufig hält sie dann eine unterseeische Barriere aus Sand fest, die sie erst wieder frei gibt, wenn sie genügend Masse verloren haben. Erst dann können sie auf die hohe See davon schwimmen.

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Wie groß sind Eisberge wirklich? Man betrachtet sie lieber aus respektvoller Entfernung. Erst wenn sie Vertrautem so nahe kommen wie in
Qeqertarsuaq, erkennt man ihre gewaltige Größe. Sie überragen die Häuser an Land um Einiges, ohne für sie eine Gefahr darzustellen.

17505 26072017 P1100175 PBDraußen vor Qeqertarsuaq ankert die MS ASTOR. An Land über dem Steg stehen zwei Unterkieferknochen eines Wales. Sie bilden ein Tor, durch das jeder, der an Land will, gehen muss.

17505 27072017 P1030665 PBWenn’s dem Esel zu wohl ist … Seeleute der AIDAcara sollten mit dem Tenderboot Eis für die Bars an Bord holen, steuerten einen Eisberg an und kletterten auf ihn mit seinem labilen Gleichgewicht. Wenige Minuten nach dieser Aufnahme drehte der Berg sich. Die Männer stürzten ins Wasser, wurden aber dank ihrer Schwimmwesten gerettet.

17505 28072017 P1030743 PBSpalten, die Gefahr signalisieren. „Kalben” nennt man das Abbrechen von Teilen eines Gletschers als Eisberge. Die können sich auch selber noch
teilen, wenn sie auf Grund festsitzen oder die Sonne ihnen zu sehr zusetzt. Erste Anzeichen für eine Bedrohung sind deutliche senkrechte Spalten.

17505 28072017 P1100532 PBIlulissat an der Diskobucht, zwei Tage lag die MS Astor hier auf Reede. Die Bucht ist berühmt für ihre Eisberge, zwischen denen sich Wale tummeln.
Die zeigen meist nur ihren Rücken und ernähren sich außer Sicht neugieriger Besucher von Plankton.

17505 29072017 P1100709 PBLegostadt nennt man Siedlungen, die so wie diese aussehen. In Sisimiut und ganz Grönland liebt man bunte Häuser. Sie werden mit Strom beheizt
und brauchen dann keinen Schornstein. Haben sie einen, benutzen sie Öl zum Heizen.

17505 29072017 P1030854 PBKajak ist ein Wort aus der Sprache der Inuit. Das Boot, das nur Männer nutzen, wurde früher aus Tierknochen und Tierhäuten gebaut und wasserdicht gemacht. Heute benutzt man importiertes Holz, über das eine Außenhaut gespannt wird. Wer Kajaks für die Jagd einsetzen will, muss lange üben.

17505 31072017 P1110073 PB Leichter Nebel, schwerer Dunst? Die MS ASTOR ankerte vor dem alten Hafen von Nuuk und brachte ihre Gäste zu Ausflügen in der Hauptstadt
des Landes mit Tenderbooten an Land.

17505 31072017 P1110068 PBIn Grönland liebt man Denkmale, die Geschichten erzählen. Dieses, die „Mutter des Meeres”, stellt eine Legende der Inuit dar. Bei Ebbe ragt es
in Nuuk aus dem Wasser, bei Flut ist es vollständig vom Meer bedeckt.

17505 1 P1030416 PBIm Museum lernt der Besucher bewährte Künste kennen. Mit dem Ulu, dem Messer der Frauen, wird auch die letzte Spur von Fett auf der Innenseite
der Haut einer Robbe entfernt. Danach wird das Fell in Urin gegerbt, der zu diesem Zweck gesammelt wird. Auch die weitere Verarbeitung der Felle
ist Aufgabe der Inuit Frauen.

17505 2 P1030647 PBIm Supermarkt kann man als Erwachsener – auch als Gast – Jagdgewehre und Munition kaufen. Wer sich, wie die Inuit, als Jäger sein Fleisch schießt, erlernt diese Kunst von seinem Vater. Ein Sachkundenachweis ist in Grönland nicht nötig, Waffenscheine sind unbekannt. Halbautomatische Waffen
gibt es nicht, auch Revolver oder Pistolen sind nicht zu haben.

17505 3 P1100002 PBWolken zu Zeiten eines niedrigen Sonnenstandes und kräftige Winde, die von den Bergen herabfallend nach Osten wehen. Wie gemalt erscheint die Szene, die hier hoch im Norden ganz alltäglich ist.

17505 4 Boot vor Eisscholle PBAuch vor Nuuk gibt es Eisberge. Wer hier lebt, besitzt häufig ein Boot, das er auch bei Jagden auf Robben einsetzen kann. An Wochenenden leert die Stadt sich, wenn das Wetter zur Jagd einlädt.17505 5 P1100778 PBKangerlussuaq war im Zweiten Weltkrieg ein bedeutender Hafen mit einem Flugplatz, den die Amerikaner anlegten. Er wurde beim Flug zu Fronteinsätzen als Zwischenstation zum Auftanken benutzt. Trümmerreste zeigen, dass der Sprit nicht immer reichte. Hier stürzten drei
Lancaster Jäger ab. Heute ist Kangerlussuaq der einzige internationale Flughafen auf Grönland.

17505 6 P1100834 PBGewaltig, doch früher noch größer und mächtiger. Der Rentier Gletscher als Teil des Russell Gletschers gehört zu den bedeutendsten nördlich des Polarkreises. Sein Eis schmilzt ab wie das vieler anderer Gletscher auch.

17505 7 Kirche P1110149 PBIn Nanortalik stand die Tür zur schmucken Holzkirche offen, ein kleiner Chor probte und lud die Besucher von der MS ASTOR ein mitzusingen. Einige taten’s. Zwei Frauen des Chors zeigten Nationaltracht, die auch von der dänischen Königsfamilie bei Besuchen in Grönland getragen wird.

17505 8 Inuit 1030984 PBIndianer nannten die Inuit „Eskimo”, Rohfleischesser. Sie sind Nachkommen mongolischer Nomaden, die über die Beringstraße, Alaska und Kanada
nach Osten zogen. Sie besiedelten zuerst die Ostküste, dann die Westküste Grönlands ...

17505 9 junger Inuit P1110135 PBHier trafen sie sehr viel später Europäer, mit denen sie sich mischten. Heute schätzt man die Zahl reinrassiger Inuit in Grönland auf 1000 bis 2000.

17505 10 P1110351 PBMan muss bei diesem Denkmal nicht lange rätseln, was gemeint ist – ein bemanntes Wikingerboot mit Ruderern. Norwegische Wikinger besiedelten Island und später Grönland, einige zogen noch weiter nach Westen und entdeckten dabei Nordamerika.

17505 11 Makrelen P1110467 PBEin seltener Anblick ist ein Fischschwarm an der Oberfläche des Meeres. In der Bucht vor Reykjavik kreuzten einige Boote auf der Suche nach Walen.
Die sind auch hier, ähnlich wie in Grönland, eher scheu. Umso mutiger sind Schwärme von Makrelen, die zum Greifen nahe die Oberfläche der stillen Bucht zum Kochen bringen.

17505 12 Harpa Reykjavik PBMusik wird offenbar in Bauten am Meer besonders gern gehört. Wie auch andere Städte in aller Welt hat Reykjavik seine „Harpa” (Konzerthaus) in Hafennähe gebaut. Das ungewöhnliche Design zeigt an den Fronten viel Glas, das im wechselnden Sonnenlicht seine Farbe ändert.

17505 13 Streymoy PBSonntag auf der Insel Streymoy auf den Färöer Inseln im Sonnenschein. Das Wetter kann hier sehr plötzlich wechseln. Doch als die MS ASTOR
einlief, strahlte der Himmel blau, und ein freundlicher Wind wehte.

17505 14 Thorshavn PBSonne über dem Hafen von Thorshavn. Im Hintergrund Tinganes, mit seinen engen Gassen der älteste Teil der Hauptstadt. Das Parlament der
Färinger ist eines der ältesten der Welt. Beim Rundgang passiert man auch das Büro des Premierministers hinter einer Glastür.

17505 15 Wolken PBHeimat der Wolken sind die Färöer bei schönem Wetter. Winde und aufsteigende Luft formen Bizarres, das alle Augenblick seine Gestalt ändert.
Wer die Inseln hinter sich lässt, erkennt ihre unsichtbare Lage noch lange an den Wolken über ihnen.

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